Zunge zeigen

Zwei Bilder zu diesem Abschnitt:

Das Relief © Wolfgang Stoephasius
Das Relief
Kali
Göttin Khali

 

Und hier noch eine andere Geschichte:

Tempelstress

Im Jahre 1994 sind Renate und ich am Ende  einer langen Indienreise im südindischen  Tamil Nadu unterwegs. Jahre zuvor habe ich in München das Projekt  „Indisches Dorf“  gegründet  und  bei   meinen  Polizeikollegen  über 100 000 Mark gesammelt, um zwei Projekte zu unterstützen. Hauptgrund unseres Besuches ist, zu schauen, was aus unseren Spendengeldern geworden ist. In der Kleinstadt Walajabad wurde das „Assisi Service Centre“, eine Art Berufsschule gebaut, in welcher Buben das Schreiben auf der Schreibmaschine erlernen, Mädchen als Näherinnen ausgebildet werden. Dieses Projekt wird vom dortigen Gemeindepfarrer der „St. Francis of Assisi Church“  betreut. In dem kleinen Dorf Ottantangal lebt Fritz Krause, ein deutscher Rentner mit ehrwürdigem weißen Bart. Er kümmert sich um die bitterarme Dorfbevölkerung und insbesondere auch um Waisenkinder.

Fritz Krause © Wolfgang Stoephasius
Fritz Krause © Wolfgang Stoephasius

 

Mit unseren Spenden wurde hier ein Brunnen gebohrt, ein Krankenhaus für behinderte Kinder ist im Bau. Neben unseren Inspektionen bleibt Zeit für einen Ausflug in die Tempelstadt Kanchipuram. Ein „Hindustan Ambassador“, das indische Kultfahrzeug schlechthin, steht bereit. Diese viertürige Limousine mit großer Bodenfreiheit ist aus  dem Straßenbild Indiens nicht wegzudenken, ob als gelbes oder schwarz-gelbes Taxi, ob als schwarze oder weiße Variante. Unsere weiße Version ist ein 1,5 Liter Saugdiesel mit 38 PS. Die 75 PS Ottomotor-Variante ist nur vereinzelt zu sehen, kostet doch Benzin das Vierfache, von dem was für Diesel zu berappen ist. Fritz hat uns den Wagen mit Fahrer zu einem günstigen Mietpreis besorgt. Er begleitet uns auf der Exkursion und er ist bekannt wie ein „bunter Hund“. Vom Straßenrand winken Frauen und Männer, rufen „Father“, Kinder laufen neben dem Wagen her, schreien „Daddy“. Fritz hat einen Termin verschusselt und so finden wir im Haus des Landrats, mit dem wir uns treffen wollen, nur dessen Frau und Tochter vor. Die junge Dame spricht ein gewöhnungsbedürftiges  Englisch und plärrt wie ein Jochgeier auf uns ein, weil sie offensichtlich der Meinung ist, dass wir sie so inhaltlich besser verstehen würden. Wir werden auf eine Schale Joghurt eingeladen und machen uns bald auf den Weg, weil wir uns Zeit für die Besichtigung der Tempel nehmen wollen.

Ekambaresvara Tempel © Wolfgang Stoephasius
Ekambaresvara Tempel © Wolfgang Stoephasius

 

Erstes Ziel ist der Ekambaresvara Tempel. Auf dem Weg dorthin verteilt Krause permanent Bonbons an Kinder, wenn der Wagen hält. Mir ist diese Verhaltensweise etwas rätselhaft, gerade er müsste doch wissen, dass mit solchen Gesten neue Abhängigkeiten geschaffen werden, Kinder förmlich zu Bettlern erzogen werden und Süßigkeiten nicht gerade förderlich für Zahnhygiene sind. Krause will vor der Tempelanlage warten und wir nehmen uns einen Führer. Anfangs schreiten wir noch ehrfurchtsvoll mit diesem durch das heilige Areal. Der Tempel ist Shiva gewidmet und sein Lingam ist auch hier das Allerheiligste. Die Anlage ist um einen 3500 Jahre alten Mangobaum errichtet, welcher vier verschiedene Fruchtarten trägt. Unter diesem Baum hat einst die Göttin Parvati meditiert und gebüßt, weil sie Shiva die Augen zugehalten hatte, welche Sonne und Mond symbolisieren. So kam eine lange Finsternis über die Erde. Eine solche Finsternis scheint auch unsere Hirne zu benebeln, denn wir lassen uns von unserem Führer zu allen möglichen mysteriösen Aktionen verleiten. Wir folgen einem sogenannten Priester, der mit seinen langen Haaren eher wie ein Playboy aussieht, in einen kleinen Tempel, dort vollführt er mit uns ein Brimborium, welches an eine Trauung erinnert.

Zeremonie © Wolfgang Stoephasius
Zeremonie © Wolfgang Stoephasius

 

Ehe wir uns versehen, sitzen wir auf dem Tempelelefanten und halten bald darauf unversehens Fischfutter in den Händen.

Tempelelefant © Wolfgang Stoephasius
Tempelelefant © Wolfgang Stoephasius

 

Als wir zu einem der beiden heiligen Teiche geleitet werden und auf den heißen Steinplatten die Schuhe ausziehen sollen, verschwindet die Finsternis schlagartig aus unserem Kopf und uns wird klar, dass wir einer einzigen Abzocke ausgeliefert sind. Jede Aktion war mit einem 100-Rupien-Schein zu begleichen. Wir ziehen flugs unsere Sandalen über die brennenden Fußsohlen und rennen schreiend zum Ausgang. Die Situation erinnert uns an die Schilderung von Herrmann Hesse, als es ihm im Jahre 1911 im ceylonesischen Kandy ähnlich erging. Als wir zum Auto kommen, hat Krause gerade sein Taschenmesser gezückt und will auf die Horde von Bettlern losgehen, die ihn offensichtlich nervt. Ich ziehe ihn in den Ambassador und wir machen uns schleunigst auf den Weg.

Nochmal der Indien-Link:

Indien „Meine” UN-Staaten – zum 59sten

 

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Veröffentlicht in Asien