Im Exil des Dalai Lama

Gebetsmühle © Wolfgang Stoephasius
Gebetsmühle © Wolfgang Stoephasius

…. Kleine Shiva-Tempel und geruhsam vorbeitrottende heilige Kühe künden davon, dass wir im Land der Hindus sind….

Sadhus © Wolfgang Stoephasius
Sadhus © Wolfgang Stoephasius

…..Pathankot….Bettelnde Sadhus ziehen vorbei, Schuhputzer bieten ihre Dienste an, heilige Kühe stromern herum, Fahrrad- und Motorrikschas behindern sich gegenseitig, Dreiradtaxis ziehen eine blaue stinkende Rauchfahne hinter sich her, Frauen halten mir Eisenpfannen unter die Nase….

…..In der Halle und im Tempelvorhof sitzen dicht gedrängt Mönche in ihren roten Roben und Pilger, die den religiösen Texten des Lama lauschen…..

 

junge Israelis, die das Säbelrasseln zwischen Indien und Pakistan nicht hindert, ihre Reiseleidenschaft auszuleben. Gefahren sind diese Männer und Frauen gewöhnt….

Diese Reise endete nicht in der neuen Heimat des Dalai Lama. Wie es weiter ging will ich hier schildern:

 

Der Goldene Tempel von Amritsar

Chandigarh in Westen Indiens wurde in den 50er Jahren von dem französischen Stararchitekten Corbusier auf dem Reißbrett geplant und ist für indische Verhältnisse eine ungemein saubere und ruhige Stadt mit breiten Alleen und viel Grün.

Chandigarh © Wolfgang Stoephasius
Chandigarh © Wolfgang Stoephasius

 

Nach einigen Tagen in dieser gar nicht wirklich  indischen Stadt steige ich frühmorgens in ein Sammeltaxi, einen  mächtigen Toyota-Allrad. Wir sind acht  Passagiere. Neben mich hat der Fahrer  einen ungemein fetten Sikh platziert und wir sind  zu dritt in einer Reihe. Obwohl der andere Sitznachbar, ein Student, zum Glück ziemlich schmächtig ist, wird es mit dem Dicken in der Mitte ganz schön eng und ich fühle mich unwillkürlich an afrikanische Verhältnisse erinnert. Im öffentlichen Bus  bin ich meist  bequemer gereist. Dafür brauchen wir  zum Ziel, nämlich nach Amritsar, nur  viereinhalb  Stunden. Mit dem Autobus wären es sicher mindestens sieben.

Ich bin froh, als mich das Fahrzeug ausspuckt und aus der erzwungenen Nachbarschaft mit dem neben mir sitzenden Ungetüm entlässt. Amritsar ist auf den ersten Blick eine  ungemein betriebsame Stadt mit abertausenden von Motor- und Fahrradrikschas, erscheint als das krasse Gegenteil zum gepflegten Chandigarh. Ich finde ein wunderschönes Hotelzimmer zu  einem kleinen offenen begrünten Hof, den Preis kann ich auf ca. 14 Euro/Nacht herunterhandeln. Die letzten Nächte hatte ich ziemlich  bescheidene Unterkünfte, so dass ich den kleinen Luxus mit Aircondition so richtig genieße. Ich mache mich gleich auf, um mich im Gewirr der Gassen zu orientieren. Den Weg zu finden ist gar nicht so einfach, die Leute sprechen außer Punjabi kaum Englisch. Schließlich will ich mich mit der Fahrradrikscha zur Touristeninfo fahren lassen und lande irgendwann im Irgendwo, später stelle ich fest, dass sie nur knapp fünf Gehminuten von meinem Hotel liegt. Zum Glück finde ich eine einfache Dharba, eine Straßengaststätte, wo ich für umgerechnet 30 Euro-Cent  den besten Dal (Linseneintopf), den ich auf der bisherigen Reise gegessen habe, bekomme und Roti (Brot) ist auch dabei. Als ich zum Hotel zurück komme ist Stromausfall, draußen hat es 40 Grad, die geplante Siesta wird zur Sauna. Später bestelle ich mir ein Bier vom Fass, das erste nach zehn Wochen Indien, es schmeckt prächtig,  und prompt habe ich am nächsten Morgen Durchfall, auch das erste Mal auf dieser Reise, obwohl ich mit dem Essen eigentlich immer „unvorsichtiger“ geworden bin. Mittags ist der Spuk aber schon wieder vorbei. Dies  ist wohl  der Beweis, dass Durchfall auf Reisen sehr oft vom zu kühlen Bier kommt, eine Tatsache die andere Reisende meistens nicht wahrhaben wollen.

Schon seit Jahren hatte ich den glühenden Wunsch nach Amritsar zu reisen, um den Goldenen Tempel zu sehen. Für lange Zeit schien es so, dass ich mir diesen Traum wohl nie erfüllen werden könnte.  Und das kam so:  Zu Beginn der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war es im indischen Punjab zu schweren Unruhen gekommen. Fundamentalistische Sikhs hatten einen eigenen Staat ausgerufen. Die Situation eskalierte und schließlich erstürmten Soldaten der indischen Armee in einer brutalen Militäraktion das bedeutendste  Heiligtum der Sikhs, den Goldenen Tempel, wo sich die Aufständischen verschanzt hatten. Bei der Militäraktion wurden über 500 Menschen getötet, darunter auch der Anführer der Rebellen. Wenige Monate später erfolgte der Vergeltungsschlag. Am 31. Oktober 1984 ermordeten zwei Sikh-Leibwächter, Angehörige der eigenen Wachmannschaft, die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. In großen Teilen des Landes folgte ein dreitägiges Morden vom durch die Medien aufgestachelten Mob. Bei dem Massaker wurden alleine in Neu-Delhi über 4000 Sikhs getötet. Zunächst hatte das indische Militär tatenlos zugesehen, bis es sich schließlich besann, einen beginnenden religiösen Genozid zu unterbinden.

Der goldene Tempel © Wolfgang Stoephasius
Der goldene Tempel © Wolfgang Stoephasius

 

Meistens ist es so, geht ein Traum in Erfüllung, so ist die Wirklichkeit oft desillusionierend. So ging es mir ein Jahr vorher, als ich nach anstrengender dreimonatiger Reise endlich in Timbuktu ankam und lediglich eine staubige verfallende Lehmsiedlung vorfand. Ganz anders ergeht es mir hier, als ich am späten Nachmittag mit dem Shuttle-Bus, besetzt mit vielen Pilgern, vor dem Goldenen Tempel ankomme und mich der Anlage um den „See des Nektars“ nähere.  Schon von weitem höre ich die getragenen Gesänge, Verse die im Tempel aus dem Heiligen Buch rezitiert werden, untermalt von meditativer Musik, und von Lautsprechern nach außen übertragen. Beschaulich entledigen sich Männer ihrer Kleidung und steigen mit einem Lendenschurz  bedeckt in das klare Wasser des Teichs, um ihr Karma zu verbessern. Die untergehende Sonne taucht den vollständig mit Blattgold bedeckten Tempel in ein allmählich dunkler werdendes Rot. In mir macht sich ganz allmählich  ein gewaltiges Gefühl der Ehrfurcht breit.  Inmitten dieser meditativen Ruhe will es mir nicht in den Kopf, dass an diesem Platz nicht nur 1984 ein schreckliches Gemetzel stattgefunden hat, sondern dass bereits am 13. April 1919 vom britischen Militär ein Massaker an Sikhs, Muslimen und Hindus stattfand, welche für die Unabhängigkeit Indiens protestierten, und bei dem bis an die 1000 Unbewaffnete getötet wurden. Ich sitze lange. Inzwischen ist es längst dunkel geworden und der Tempel erstrahlt – nun wieder golden – im Licht der Scheinwerfer. Ich reihe mich in die Reihe der Pilger ein und setze mich in einer großen Halle auf den Boden und teile mit den Gläubigen das einfache Mal mit Dal, Roti und Wasser aus dem „Pool of Nectar“.

Waga, eine Grenze der besonderen Art

Im Jahre 2002 steht Südasien am Rande des Abgrundes: Die Atommächte Indien und Pakistan sind drauf und dran,  sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen. Zurück aus den Bergregionen von Ladakh und dem krisengeschüttelten Kaschmir reihe ich mich in die Schar der Pilger in Amritsar ein. Am Bahnhof komme ich mit  zwei australischen Mädels, eine ist Flugbegleiterin  bei „Emirates“, ins Gespräch. Sie sind gerade mit dem Nachtzug aus Delhi angekommen und wollen am Abend wieder zurück. Wie jeden Morgen bin ich auf dem Weg zum Goldenen Tempel. Wegen der gespannten Lage sind wenig Westler unterwegs und ab und zu ist es ganz angenehm, mal wieder mit Menschen aus dem eigenen Kulturkreis zu quatschen. So erkläre ich mich gerne bereit, für die beiden so eine Art Fremdenführer zu spielen. Wir fahren gemeinsam mit dem Pilgerbus hinüber zum  „Goldenen Tempel“. Sie freuen sich über meinen Vorschlag am Nachmittag mit mir zum Grenzübergang von Waga zu fahren, dem einzigen offiziellen Grenzübergang zwischen den zerstrittenen  Brudervölkern Indien und Pakistan.

Bald werde ich mich mit einem graubärtigen Sikh über den Fahrpreis einig und der altersschwache „Ambassador“ setzt sich stotternd in Bewegung, nachdem die Zündanlage kurzgeschlossen wurde. Nach knapp einstündiger Fahrt sind wir an der Grenze.

Zu meiner Überraschung ist eine riesige Tribüne aufgebaut, auf welche unablässig Menschen strömen. Für indische Touristen, die in der Gegend sind, ist es ein nationalistisches Muss dem Schauspiel der Grenzschließung beizuwohnen. Jeden Tag um 16 Uhr wird die Grenze mit einem martialischen Zeremoniell geschlossen. Um diese Zeit haben wohl an die 1000 Menschen auf der Tribüne Platz genommen. Auf der pakistanischen Seite gibt es auch eine Tribüne, dort werden es wohl nur so an die 300 Schaulustige sein. Die indischen Zaungäste skandieren ein dröhnendes „Hindustan“, welches von der anderen Seite der Grenze mit „Pakistan“ erwidert wird. Ein Zuschauer löst sich aus der Menge und rennt mit der indischen Flagge zur Grenze, ihm begegnet getrennt vom Grenzzaun ein Pakistani mit der dortigen Fahne. Soldaten stehen Spalier, auf beiden Seiten fast identische Uniformen, die sich nur in der Farbe unterscheiden: khakifarben bei den Indern, blaugrau bei den Pakistani. Auf dem Kopf tragen sie einen Prunkhelm aus buntem Stoff, der stark an einen Hahnenkamm erinnert. Punkt 16 Uhr erklingt auf beiden Seiten ein Fanfarenstoß. Offiziere brüllen Kommandos. Von jeder Seite marschiert  eine Gruppe  in Richtung offenem Grenzgitter. Aus der Reihe der spalierstehenden Soldaten löst sich auf jeder Seite ein Unteroffizier und marschiert in einer Art Stechschritt mit nach oben schleudernden Knien auf das offene Tor zu, greift mit knallhartem Griff nach seinem Schnellfeuergewehr, erweckt das Gefühl, dass er im Begriff ist, alleine in das gegnerische Land einzumarschieren und es zu erobern. Begleitet wird er von der jeweils eigenen Seite mit dröhnendem „Hindustan“ oder „Pakistan“. Sergeanten beider Couleur marschieren mit Schnüren auf, das Einholen der Flaggen kann beginnen. Je ein indischer und pakistanischer Offizier marschieren aufeinander zu, würdigen sich keines Blickes. Die Situation ist irgendwie gespenstisch. Kommandos ertönen. Die Fahnen sinken an den Seilen nieder. Sie werden eingeholt, zusammengelegt und die anmarschierte Gruppe trabt mit dem Nationalemblem zurück in die jeweilige Richtung. Ein letzter gebrüllter Befehl und das eiserne Tor knallt zu. Nachdenklich gehen wir zurück zu unserem Ambassador. Wir haben hier nicht nur Emotionen, sondern auch blanken Hass gesehen.

Am Ende der Stories über Indien will ich euch noch eine längere Geschichte nicht vorenthalten, die im Buch aus Platzgründen nicht veröffentlicht werden konnte.

Die Lakkadiven – Risse im Paradies

Drei Männer stehen am Tresen einer Bar in Honolulu, weitgereiste Herren. Sie haben viel gesehen von der Welt, insbesondere aber auch von den paradiesischen Inseln in den Ozeanen unseres Planeten. „Der Traum einer Südseeinsel ist Bora Bora“, meint der eine. „Nein, die Südseeinsel schlechthin ist Aitutaki auf den Cook Islands“ wirft der andere ein. Der dritte zögert, bemerkt schließlich „Das schönste Inselarchipel sind die Tokelau Inseln“. Warum, wollen die anderen beiden wissen. „Weil ich da noch nie war“, ist die Antwort.

So ähnlich ist es mir bis vor kurzem gegangen, „Die Lakkadiven“ wäre meine Antwort gewesen. Hätte ich mir nur diesen Traum bewahrt! Ich bereite mich gründlich vor, mir ist bewusst, dass für Nichtinder nur einige wenige der 36 Inseln bereist werden dürfen. So schätze ich mich glücklich, als ich auf  die Quartieranfrage für meine Frau und  mich von „Kasim’s Homestay“ auf der Insel Agatti folgende Mail erhalte: „Dear good morning to you. Please book the flight ticket and waite for visa ready and once you get visa pls send the photocopy to me along with passport copy of each one. Add the mail copy to Mr. Ajith flyzoneventures@gmail.com he is taking care of entry permit from Lakshadweep Office cochin….Hope understood. Warm regards.Jamaludheen Pattambalam“.

Perfekt, denke ich, denn über die Insel Agatti habe ich im Internet viel Positives gelesen, das besondere Plus ist, dass man die Insel direkt mit dem Flugzeug von Cochin/Kerala aus erreichen kann. Ich erfülle die mir gestellten Bedingungen, buche bei „Air India“ unseren Flug für den 2. März von Cochin nach Agatti. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Wir sind im Januar und Februar des Jahres 2013 in Sri Lanka unterwegs und wollen im Anschluss daran auf die Trauminseln im Arabischen Meer. Wenige Tage nachdem wir unseren Flug nach Agatti gebucht haben, bekommen wir von Mr. Ajith  von „Flyzoneventures“ die Mitteilung, dass Agatti für Ausländer gesperrt ist und uns nur die Insel Kadmat als Alternative zur Verfügung steht, dort hin würden wir mit dem Speed Boat transportiert. Vielleicht ist das die ganz besondere Trauminsel, meinen wir und stimmen zu. Hin- und Rückflug nach Agatti ist  ohnehin schon gebucht, der Flugpreis nicht erstattbar. Mitte Februar erreicht uns von „Flyzoneventures“ per Mail die Nachricht, dass alle Flüge auf die Lakkadiven bis auf weiteres gestrichen sind und informiert uns gleich dahingehend, dass für die Reise, die wir nicht antreten können, eine Stornogebühr von 29 000 Rupees (ca. 400 Euro) fällig wird. Bei „Air India“ in Colombo erfahre ich, dass der Flugbetrieb am 2. März wieder aufgenommen wird, also exakt an dem Tag, für welchen unser Ticket ausgestellt ist. Glückspilze sind wir, oder etwa nicht?

Colombo © Wolfgang Stoephasius
Colombo © Wolfgang Stoephasius

 

Wir finden uns rechtzeitig am Flughafen von Cochin ein. Beim Einchecken wird unser Permit geprüft. Die Dokumente werden an verschiedenen Stellen überprüft, bis wir endlich in den Flieger, eine ATR 42 Propeller-Maschine, einsteigen dürfen. Es sind statt der zugelassenen 48 nur 15 Gäste an Bord. Nach einer Stunde landen wir am Aerodrom von Agatti. Dort werden uns und vier französischen Touristen, die zum Fischen hier sind, von Uniformierten die Pässe abgenommen und umständlich die Daten in verschiedene Listen eingetragen. Das „Büro“ ist in einem jämmerlichen Zustand, die Holzdecke droht herunterzukrachen. Schließlich geht es mit einem scheppernden Microbus zu einem einfachen Lokal. Dort gibt es ein einfaches Mittagessen. Nach einigem Hin und Her werden wir zum nahegelegenen Pier gefahren. Dort besteigen die Franzosen mit ihrem Fischereiequipment ihr Boot, es wird sie zu einer unbewohnten Insel bringen.  Anschließend tuckert  unser Boot heran, kein Speedboat, für welches wir gebucht und stattliche 30 000 Rupees, also 420 Euro, bezahlt haben, sondern ein ganz normales Fischerboot ohne irgendwelchen Komfort. Es gibt weder eine Persenning, also eine Überdachung, noch eine Toilette, das kann ja heiter werden. Wir bekommen in einer Plastiktüte Wasser und Kekse mit auf die Reise. Schließlich tuckert das Boot los. Wir werden am Heck, direkt hinter dem dröhnenden  und heftig qualmenden Motor platziert. Die sengende Mittagssonne steht direkt über uns.

Fischerboot © Wolfgang Stoephasius
Fischerboot © Wolfgang Stoephasius

 

Die drei Bootsmänner sind nette Burschen, uns werden getrocknete Kokosnuss, Kekse  und Tee angeboten. Die Matrosen beten während der Fahrt zweimal in Richtung Mekka gewandt, einer steuert jeweils das Boot und wechselt sich dann mit einem der Betenden ab, um sich selbst in Richtung Mekka zu wenden. Die Richtung wird exakt mit dem Kompass ausgelotet. Wir sind froh, als sich die Sonne in Richtung Horizont bewegt. Nach knapp sechs Stunden legt der Kahn am Pier von Kadmat an, nachdem es zwischen zwei Markierungspfosten das Riff passiert hat. Hustend und schwarz im Gesicht vom Dieselqualm gehen wir von Bord und  werden von netten Männern mit einem Pkw abgeholt und vorbei an radelnden Männern in weißen Gewändern und Frauen mit schwarzem Schador und kleinen strohgedeckten Häusern  folgen wir entlang einer Palmenallee der Straße auf der schmalen Insel in Richtung Süden, am Horizont geht ein feuerroter Sonnenball unter. Schließlich kommen wir zum „Kadmat-Island-Resort“ am äußersten Ende der Insel, die hier nur knapp 100 Meter breit ist. Ein Typ nimmt uns unsere Pässe ab, irgendwann werden wir sie wohl wieder bekommen. Unser einfach eingerichteter Bungalow ist riesig. Am Strom wird nicht gespart, davon zeugen unendlich viele Schalter, es gibt zwei Klimaanlagen und zwei Ventilatoren. Wir sind eine Weile damit beschäftigt zu realisieren, welcher Schalter für was zuständig ist.

Schalter im Bungalow © Wolfgang Stoephasius
Schalter im Bungalow © Wolfgang Stoephasius

 

Zum Abendessen sind wir allein, überhaupt sind wir die einzigen Gäste und das wird auch die nächsten Tage so bleiben. Es gibt die üblichen indischen Gemüsegerichte mit Reis und zweierlei landesspezifischem Brot, einige mickrige  Sardinen sind auch dabei. So oder so ähnlich werden die drei täglichen Mahlzeiten an den nächsten Tagen aussehen, die Gerichte sind in der Regel kalt, weil sie wohl irgendwann am frühen Morgen zubereitet werden.

Einzige Gäste © Wolfgang Stoephasius
Einzige Gäste © Wolfgang Stoephasius

 

Am nächsten Morgen liegt das azurblaue Meer ruhig vor uns. Es erwartet uns ein weißer puderzuckerartiger Sandstrand vor einem azurblauen Meer. Wir packen unser Schnorchelzeug aus und sind mehr als  enttäuscht.

Strand © Wolfgang Stoephasius
Strand © Wolfgang Stoephasius

 

Es gibt nur einige wenige kleinere Korallenstöcke auf dem Sandboden und die Korallen sind abgestorben beziehungsweise von der Korallenbleiche befallen. Das heißt, dass die vereinzelten  Fische die wir sehen, kaum  bunte Farben aufweisen, sie passen sich ihrer Umgebung an. Ein einziges Exemplar ist wirklich sehenswert, nämlich ein Löwenfisch mit seinen vogelartig gestreiften Schwingen. Wir spazieren am Strand entlang, schnorcheln ab und zu hinaus und zwar dorthin, wo wir vermeintliche  Korallenstöcke entdecken, es sind aber Jutesäcke, die am Meeresboden liegen. Einer dieser Säcke erweist sich als Schildkröte, ein ziemlich großes Exemplar, die davon schwimmt, ehe wir mit Schnorchel und Maske im Wasser sind. Wollen wir  in Ruhe am Strand sitzen, starten aus dem Gebüsch hinter dem Ufer sofort  Moskitos Attacken auf uns. Ich weiß nicht, was ich über die Anlage sagen soll, zum Teil machen die Bungalows und zweistöckigen Häuser einen recht ansprechenden Eindruck, zum anderen ist vieles verwahrlost, Abfallberge türmen sich.

„Resort“ © Wolfgang Stoephasius
„Resort“ © Wolfgang Stoephasius

 

Das Personal ist durchwegs freundlich und hilfsbereit. Irgendwann riechen wir beide so richtig  nach Dal und Massala, den indischen Currygerichten, wie lange wird das wohl vorhalten? Eines Morgens  werden wir von einer Motorrikscha  zu einer kleinen Inselrundfahrt abgeholt. Das Eiland ist knapp 12 Kilometer lang und misst an der breitesten Stelle 500 Meter. Die Bevölkerung ist in zwei islamische Gruppen aufgeteilt, insgesamt leben hier 6200 Menschen, sie sprechen Malayalam, eine südindische Sprache, die insbesondere auch in Kerala gesprochen wird.  Es gibt einen kleinen Versuchsgemüsegarten, ansonsten wird nur Kokosnuss angebaut. Ein Dieselgenerator versorgt die Insel mit Elektrizität, offensichtlich recht großzügig, wie wir bereits an der Stromversorgung in unserem Bungalow feststellen konnten. An Säugetieren sind weder Hunde noch Affen vertreten, es gibt nur Ziegen und natürlich Hühner. Wir besuchen eine Manufaktur in welcher Kokosöl und Kokospulver hergestellt wird, kaufen zwei Päckchen von dem Puder für wenig Geld. Am härtesten arbeitet der Mann, welcher die Nüsse aufbricht, ihm läuft der Schweiß in Strömen herunter. Anschließend geht es zu der Firma in welcher die Kokosfasern verarbeitet werden. In erster Linie wird Rohmaterial hergestellt, welches in riesigen Ballen ans Festland gebracht wird.

Aufbrechen der Kokosnüsse © Wolfgang Stoephasius
Aufbrechen der Kokosnüsse © Wolfgang Stoephasius

 

Frauen in langen Gewändern, der Kopf vom Schador bedeckt, zwirbeln in mühseliger Arbeit Seile. Der Arbeitslohn für eine Spitzenkraft beträgt pro Tag 250 Rupees, das sind 3,50 Euro.

Arbeiterin © Wolfgang Stoephasius
Arbeiterin © Wolfgang Stoephasius

 

Wir schauen noch an das einsame Nordende, dann geht es nach kurzem erfolglosem Stopp bei einem Laden, der eigentlich nur die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung deckt, zurück ins „Resort“. Ein netter Mann mit Krücken gesellt sich zu uns und wir unterhalten uns. Er ist nun 40 Jahre alt und hatte mit fünf Jahren Polio, eine Krankheit, an der damals niemand mehr auf der Welt hätte erkranken müssen. Seine Aufgabe hier ist, als Security zu arbeiten!? Sein Englisch ist recht ordentlich und er hat eine angenehme freundliche Ausstrahlung.

An einem Nachmittag  werden wir mit einem Glasbodenboot zu einigen kleinen Korallenbänken hinausgefahren. Die Ausbeute ist genau so bescheiden, wie wir es nach den bisherigen Erfahrungen erwartet haben. Die meisten Korallen sind auch hier abgestorben. Nur ein kleiner Stock scheint noch halbwegs in Takt zu sein, an einer Stelle wiegen sich Seeanemonen im Wasser.

Unser Lieblingsplatz am Spätnachmittag ist vorne auf dem Jetty, wenn die Sonne am Horizont verschwindet und einen feuerroten Himmel erglühen lässt und die Moskitos irgendwo am Strand ihr Unwesen treiben.

Der Jetty © Wolfgang Stoephasius
Der Jetty © Wolfgang Stoephasius

 

Am letzten Abend gesellt sich Ali, der Fischer zu uns. Er kennt sich gut aus und meint, hier auf den Inseln seien die Menschen einfach 100 Jahre zurück, daraus resultiere, dass man keine Ahnung habe, wie mit Touristen umzugehen sei. Von ihm erfahren wir, dass das Boot schon um drei Uhr, nicht um Vier, wie vom Manager gesagt, abfährt. Es tut uns um die Menschen leid, die hier arbeiten. Sie sind ungemein nett und freundlich, meinen nur das Beste. Das Problem ist, dass hier, und das gilt wohl für die gesamte Inselgruppe, das Management völlig versagt und nicht in der Lage ist, das Personal entsprechen zu schulen, der Wille wäre bei diesen liebenswerten Menschen sicher vorhanden. Offensichtlich geht es den Verantwortlichen nur darum den Touristen ohne größeren Aufwand möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Das ist selbstverständlich eine absolute Fehlkalkulation, da sich wegen der gesamten Randbedingungen nur wenige Touristen auf diese Inselgruppe verirren. Dabei könnte man die vorhandenen Ressourcen durchaus nutzen, um ein ansprechendes Ferienziel anzubieten, sind doch die Strände und das Wasser wirklich paradiesisch und mit dem Korallensterben, einer Umweltkatastrophe schlechthin, müssen auch andere Destinationen, wie beispielsweise die Malediven zurechtkommen.

Sonnenuntergang © Wolfgang Stoephasius
Sonnenuntergang © Wolfgang Stoephasius

 

In den frühen Morgenstunden des Abreisetages  gehen wir nach Katzenwäsche schlaftrunken die wenigen Meter zum Anleger. Das Boot liegt schon vor Anker. Dieses Mal haben wir es bequemer, das Hotelpersonal hat uns am Bug Matten platziert, so können wir halbwegs bequem liegen und kriegen den Lärm und Gestank vom Heck nicht mit. Es bleibt nicht aus, dass ich irgendwann Pipi muss. Ich werde auf den schwankenden Planken zum Heck geführt. Ein kräftiger Matrose hält mich von hinten im Kreuzgriff und ich pinkle in weitem Strahl in die arabische See. Auf halber Strecke flüstere ich Renate zu, was wohl wäre, wenn uns die dunklen Gestalten hier ein Seemannsgrab bereiten würden. Grund hätten sie ja, habe ich doch ins Gästebuch der Hotelanlage einen bösen Kommentar geschrieben. Aber auch so sind wir vielleicht  nicht vor Unbill gefeit. Was passiert, wenn wir in einen Sturm geraten, was ist, wenn der Motor ausfällt? Dieses Mal fahren wir nahezu sieben Stunden, zum Glück ist die See ruhig. Als Agatti in Sicht kommt, taucht kurz neben uns ein Delphin auf, ein gutes Zeichen?

Rückfahrt © Wolfgang Stoephasius
Rückfahrt © Wolfgang Stoephasius

 

Und noch einmal der Link zu Indien:

Indien „Meine” UN-Staaten – zum 59sten

 

 

 

 

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Veröffentlicht in Asien