Abraham und Hiob

Kurdistan

Bevor ich nach Sanliurfa kam hatte ich eine größere Reise durch Türkisch- und Irak-Kurdistan hinter mir. Daran würde ich Sie, liebe Leser, gerne teilhaben lassen:

Irak „Meine” UN-Staaten – zum 61sten

Im Frühjahr 2009 scheint mir die Zeit gekommen, in den Norden des Irak zu reisen. Die Sicherheitslage im kurdischen Kerngebiet hat sich so stabilisiert, dass ich dabei kein unkalkulierbares Risiko eingehe. Nach einigen Tagen in Istanbul fliege ich nach Diyarbakir, die Hauptstadt von Türkisch-Kurdistan. Hier wohne ich in einem preiswerten ruhigen Zimmer im Stadtzentrum. Beim Frühstück  sitzt am Nachbartisch eine nordirakische Familie, Vater mit drei erwachsenen Töchtern, die in Kiel lebt und auf der Rückreise nach Deutschland ist. Es sind richtig nette Leute, alle sprechen perfekt Deutsch. Da sage mir noch einmal jemand etwas Negatives über „Kopftuchmädchen“. Sie helfen mir bei der Verständigung mit dem Hotelpersonal, denn hier in Kurdistan ist es mit dem Englischen nicht weit her. Der Hotel-Rezeptionist schickt  schließlich einen Portier mit mir zur nahegelegenen Bushaltestelle und der zeigt mir das richtige Dolmus (Kleinbus) zum Minibusterminal. Dort habe ich gleich Anschluss in die Provinzstadt  Mardin  – und sitze  recht komfortabel an einem Fensterplatz.  Zum Glück werden hier  die Fahrzeuge bei weitem nicht so voll gestopft wie in Afrika. Mitreisende zeigen mir, wie ich Richtung Grenze weiter fahren muss. Eine halbe Stunde später geht bereits der große Bus, der ist fast leer – und ich sitze gemütlich in der ersten Reihe. Die Reise führt stetig über die etwa 1000 m hoch gelegene grüne Ebene des Zweistromlandes, zeitweise steigt der Bus über kleinere Hügel, in der Ferne schimmern hohe Berge, kleinere und größere Flüsse werden überquert. Die Frauen tragen meist bunte Kopftücher, die Männer in weiten Pluderhosen haben den Turban kunstvoll nach kurdischer Art gebunden, Esel traben neben der Straße.

Richtung irakischer Grenze wird die gut ausgebaute Straße zur Autobahn, wohl als Aufmarschroute gegen die Kurden im Irak gedacht. Umgangssprache ist auf beiden Seiten der Grenze Kurdisch. Die Sicherheitslage hat sich im Gegensatz zu früher einigermaßen stabilisiert, auch wenn von einigen PKK-Splittergruppen 2004 der Waffenstillstand aufgekündigt worden ist. Das türkische Militär hält sich bemerkenswert im Hintergrund. Dass es immer noch Probleme gibt, zeigt sich in einigen Tagen, nämlich am Tag meiner Rückreise, als in der Nähe von Diyarbakir ein Anschlag auf eine türkische Militäreinheit verübt wird mit mindestens zehn Toten. Es handelt sich  wohl um eine Patrouille auf dem Weg in ein Dorf, welche in eine Sprengfalle gerät. Prompt wird es am nächsten Tag Bomben der Türken auf Stellungen der PKK im Nordirak geben. Fast zeitgleich überfallen bewaffnete Kurden in einem Dorf bei Mardin eine Verlobungsfeier und bringen 45 Menschen um. Es handelt sich offensichtlich um eine private  Fehde. Aber das Pikante daran ist, dass die Verbrecher sogenannte Dorfschützen sind, also deren Bewaffnung von der türkischen Armee stammt.

Türkisch-Irakische Grenze © Wolfgang Stoephasius
Türkisch-Irakische Grenze © Wolfgang Stoephasius

 

Allmählich kommen wir in das engere Grenzgebiet, zunächst das zu Syrien und dann das zum Irak. Um das festzustellen bedarf es nicht einmal des Blickes in die Landkarte, das nun doch stärker werdende Militäraufgebot bürgt für sich. In der letzten größeren Ortschaft auf türkischem Boden, in Silopi, ist für den Bus Endstation. Ich tue mich mit anderen Reisenden zusammen und es geht im Taxi zur Grenze. Die sieben Kontrollstellen sind dank der Kenntnisse und des Schmiergeldes des Fahrers schnell überwunden. Als ich die unendliche Kolonne von LKWs sehe, rutscht mir das Herz in die Hose, ich richte mich auf tagelanges Warten ein. Aber der Taxifahrer fährt ungerührt an der Schlange vorbei und in wenigen Minuten sind wir am Grenzübergang. Der türkische Grenzer stempelt meinen Pass nach einem kurzen Woher und Wohin. Die kurdisch-irakischen Beamten bitten mich um eine Passkopie, welche ich als erfahrener Reisender natürlich dabei habe, und ersuchen mich, etwas zu warten. Wie selbstverständlich wird mir Tee serviert. So etwas ist mir in meinem Globetrotterleben  noch bei keinem meiner unzähligen Grenzübertritte passiert. Es dauert nicht lange und es erscheint ein Offizieller und händigt mir den visierten und gestempelten Pass mit einem liebenswürdigen Lächeln aus.  Generell fällt mir auf, dass die Kurden, welche ich bisher getroffen habe, zwar reserviert, aber ungemein hilfsbereit und freundlich sind.

Jetzt ist  erst mal guter Rat teuer, denn ich muss andere Mitfahrer für eine Passage im Sammeltaxi finden, welche in die nächste größere Stadt, nach Dohuk, wollen. Alleine will ich aus Kostengründen kein Taxi nehmen. Schließlich ergibt  es sich, dass drei andere Passagiere direkt nach Erbil, die Hauptstadt von irakisch-Kurdistan, fahren. So schließe  ich mich denen an und sitze bequem vorne neben dem Fahrer. Mit von der Partie ist ein irakischer Student, der in Moskau an der Uni eingeschrieben ist. Er ist nach Istanbul geflogen und mit dem Bus den weiten Weg nach Diyarbakir gefahren. Er wird in Erbil in einem Billighotel übernachten und am nächsten Tag soll es weiter gehen nach Bagdad. Viel Glück! Als wir zu einer Pause halten, bezahlt einer der Mitreisenden wie selbstverständlich meinen Tee.

Es gibt immer wieder Kontrollposten, aber  wir werden von den Peshmergakämpfern jeweils nach kurzem Fragen und Blick in das Fahrzeug weiter gewunken. Vor Mosul ist eine mächtige Betonsperre aufgebaut, etwas abgesetzt steht eine Einheit bis an die Zähne bewaffneter amerikanischer Soldaten mit ihren gepanzerten Fahrzeugen. Als wir Erbil erreichen, habe ich an diesem Tag trotz mehrerer Etappen und Grenzkontrollen gut 550 km zurückgelegt und den Tigris, der zurzeit wenig Wasser führt, zweimal überquert.

Ich leiste mir für rund 40 Euro eine schönes Zimmer in einem Viersternehotel. In schmuddeligen Unterkünften habe ich auf meinen unendlich vielen Reisen oft genug gewohnt.

Taxistand in Erbil © Wolfgang Stoephasius
Taxistand in Erbil © Wolfgang Stoephasius

 

Erbil ist recht übersichtlich und ich kann mir die wenigen Sehenswürdigkeiten  problemlos erlaufen. Die Stadt hat ungefähr eine Million Einwohner. Mittelpunkt bildet die Festungsruine aus der osmanischen Zeit. Von dort aus blicke ich auf die unstrukturierte Stadt mit seinen Lehmruinen, modernen Häusern, Baustellen und Schutthaufen. Wohin das Auge schaut,  wird gebuddelt und gebaut, aber mir fällt es schwer, hinter dem Gebagger und Herumschaufeln einen Plan zu erkennen.

Blick auf Erbil © Wolfgang Stoephasius
Blick auf Erbil © Wolfgang Stoephasius

 

In der Burg gibt es ein kleines Textilmuseum, es sind recht attraktive Teppiche zu bewundern. Frauen mit weißen, braunen und farbigen Kopftüchern zeigen die Handwerkskunst des Knüpfens und Stickens und lassen sich dabei gern über die Schulter schauen. Die Anlage wird von Schulklassen belagert, einige Kinder grüßen mich bescheiden aber freundlich und neugierig. Rund um die Festung erstreckt sich der Basar, hier gibt es hauptsächlich allerhand Krimskrams und Dinge für den täglichen Bedarf.

Im Textilmuseum © Wolfgang Stoephasius
Im Textilmuseum © Wolfgang Stoephasius

 

Ein touristisches Angebot ist natürlich nicht vorhanden. Überhaupt bin ich mal wieder der einzige westliche Ausländer und falle trotz meines grauen Vollbartes, den ich mir extra habe wachsen lassen, gleich auf. Die Leute betrachten  mich unmerklich aus den Augenwinkeln. Es scheint nur Männer zu geben, nur vereinzelt sieht man Frauen auf der Straße. Die Männer gehen in der Regel im kurdischen Habit (kunstvoll gewickelter Turban, Pluderhose, häufig auch als Overall, um den Bauch eine gewickelte Stoffschärpe). Die Teehäuser sind voll. Es wird Domino und Karten gespielt. Auf den Straßen fahren oder besser rasen viele Autos, über die Hälfte davon Taxis, meist neuerer japanischer Bauart. Diese werden wie ich auf der Anreise feststellen konnte, auch als Verkehrsmittel über Land genutzt. Busse gibt es kaum. Auch ein modernes Shoppingcenter mit viel Glitzer und wenig Wertvollem wartet auf Käufer.

Einkaufszentrum in Erbil © Wolfgang Stoephasius
Einkaufszentrum in Erbil © Wolfgang Stoephasius

 

Beachtenswert ist die mächtige Freitagsmoschee mit den grünen Klinkerarbeiten. Das ist es dann aber schon. Mehr gibt es kaum zu sehen. An einem Nachmittag steht über der Stadt ein aschgrauer Himmel. Warmer Wind aus der Wüste bläst massenweise  Sand in die Stadt. Viele  Menschen tragen einen Mundschutz. So plötzlich, wie sich der Himmel verfinstert hat, kommt die Sonne wieder zum Vorschein.

 

Freitagsmoschee in Erbil © Wolfgang Stoephasius
Freitagsmoschee in Erbil © Wolfgang Stoephasius

 

Der Dinar ist fest an den US-Dollar gekoppelt. So ist der Irak wohl noch eines der wenigen Länder, in welchem der Dollar als Zweitwährung läuft. Aber bei den Geldwechslern ist es kein Problem Euro zu wechseln – und das zu einem fairen Kurs. Sie haben ihre Wechselstuben auf der Straße aufgebaut, in Glaskästen liegen dicke Bündel von Scheinen.

Ich habe mich mit dem Koch im Hotel ein wenig angefreundet, allerdings sind seine Englischkenntnisse marginal. Am Abend vor meiner Abreise möchte ich ihn bitten, mir eine Transportmöglichkeit an die Grenze zu besorgen. Wir reden irgendwie aneinander vorbei und Dschihad, so heißt der junge Mann, der alles andere als ein Krieger ist, ruft einen Freund vom Handy aus an, mit dessen Hilfe die Kommunikationsschwierigkeiten behoben werden. Dschihad ruft eine Taxifirma an und mir wird mitgeteilt, dass ich am nächsten Morgen von einem Wagen abgeholt werde. Nach dem Frühstück bringt mich Dschihad vor die Tür und dort wartet das  Taxi bereits, ich händige dem Fahrer den vereinbarten Fahrpreis aus und es kann los gehen. Wir fahren um einige Straßenecken, laden drei andere Fahrgäste zu und fahren aus der Stadt hinaus. Mosul umfahren wir dieses Mal weiträumig. Irgendwann bleiben wir an einer Raststätte stehen und wie so oft bezahlt  irgendeiner meiner Mitreisenden meinen Tee. Schließlich  kommen wir nach Duhok, also dahin wo ich am Anfang der Irak-Reise wollte. Dort steigen die drei Mitreisenden aus, höchste Zeit, denn der älteren Dame ist kotzübel und sie muss sich gleich übergeben.

Taglöhner in Duhok © Wolfgang Stoephasius
Taglöhner in Duhok © Wolfgang Stoephasius

 

Ich werde am Standplatz der Sammeltaxis in einen anderen Wagen verfrachtet. Dort bezahlt mein Fahrer dem anderen Taxler meinen Reiseanteil für die Weiterfahrt nach Diyarbakir. Nach wenigen Minuten ist der Wagen voll und es geht zur Grenze. Der Taxifahrer, ein netter Mann, eigentlich Lehrer vorn Beruf, bringt mich zum Taxistand Richtung Türkei. Dort ist im Nu eine Mannschaft beieinander, so dass es los gehen kann. Aber wir brauchen ungefähr zwei Stunden, bis wir alle Grenzkontrollstellen passiert haben. Meine Mitreisenden verstauen vier Stangen Zigaretten in meinem Gepäck, sie wüssten, dass ich nicht kontrolliert würde, meinen sie. Im Laufe der Zeit wird ist mir doch etwas mulmig zu Mute, man hat ja schon von allen möglichen Dingen gehört, von wegen Drogenkurier  und so. Aber alles geht problemlos und ich werde tatsächlich nicht kontrolliert.

Ich beschließe in Mardin auszusteigen, das soll die schönste Stadt in Südostanatolien sein  und ich möchte  eigentlich dort bleiben. Blöderweise steige  ich aus dem Wagen der nach Diyarbakir weiter geht  aus, ohne mich nach einem Hotelzimmer zu erkundigen. Der Wagen ist weg und es stellt sich heraus, dass wegen des Wochenendes im ganzen Ort kein Bett frei ist. Ich muss geraume Zeit auf den nächsten Minibus warten. Mein Nachbar im Wagen ist Ulf, ein netter Norddeutscher, der für drei Monate hier ist, um kurdisch zu lernen. Er gibt mir einige wertvolle Tipps und Hintergrund-Infos. So ist  die vermeintliche Panne doch nicht so arg schlimm. Im Hotel Güler, wo ich das letzte Mal in Diyarbakir übernachtet habe, ist auch alles ausgebucht. Aber gleich daneben gibt es das so genannte Güler-Grandhotel und da bekomme ich doch noch ein Zimmer. Nach einem guten Abendessen mit viel Salat und Fleischspießen hole ich mir in einem Laden ein Efes-Pıls und bin mit dem Gutenachttrunk wieder mit Gott und der Welt im Reinen.

Restaurant im Fluss bei Hasankeyf  © Wolfgang Stoephasius
Restaurant im Fluss bei Hasankeyf © Wolfgang Stoephasius

 

Und nun zeigt sich, dass manche zunächst negative  Wendung durchaus ihr Gutes haben kann. Ulf hat mir während unserer gemeinsamen Busfahrt von Hasankeyf erzählt. Ich wäre von selbst nie auf die Idee gekommen, dorthin zu fahren.  Von Diyarbakır sind es ungefähr 140 Kilometer und ich muss zweimal den Minibus wechseln. Die Straßen sind in ausgezeichnetem Zustand und es geht mehr oder weniger gerade aus durch die anatolische Hochebene. Es wird nicht mehr lange dauern und diesen malerischen Ort gibt es nicht mehr. Er wird wie viele andere Dörfer dem Südanatolienprojekt mit seinen riesigen Stauseen zum Opfer fallen. Die Flusslandschaft von Euphrat und Tigris wird in diesem Mammutprojekt in einen riesigen Stausee verwandelt. Bis 2006 wurden bereits 17 Staudämme gebaut. Fünf weitere sollen noch hinzukommen. Natürlich hat so ein Projekt viel Positives. Elektrizität in bombastischem Umfang wird produziert, die Trockenlandwirtschaft wird auf Bewässerungslandwirtschaft umgestellt, und die Gegend damit erheblich fruchtbarer. Aber es gibt viele Nachteile. So ist in dem  Gebiet bereits jetzt die ausgerottete Malaria zurück gekehrt. Irak und Syrien am Unterlauf der Ströme werden wassermäßig  unterversorgt und viele Dörfer mussten bereits jetzt dem Wasser weichen. Schlimm wird es aber, wenn das Projekt zu Ende geführt wird, dann werden historische Städte, darunter auch das malerische Hasankeyf, für immer unter den Fluten verschwinden.

Hasankeyf liegt direkt am Tigris unmittelbar an  einer riesigen Felswand. Dahinter führt ein Weg am Innenhang entlang zu einer gewaltigen Burgruinenanlage, welche bis ins  14./15. Jahrhundert zurück reicht. Ich steige durch die Anlage  weit hinauf und komme an einer uralten Moschee und hunderten von Höhlenwohnungen vorbei. Von oben habe ich einen traumhaft schönen Blick auf die anatolische Hochebene mit dem Tigris und dem eigentlichen Ort mit seiner Moschee auf dessen Minarett ein Storchenpaar sein Nest gebaut hat. Unendlich schade, dass dieser Anblick in einigen Jahren für immer verschwunden sein wird. In einem Lokal im Fluss – ja man sitzt auf Teppichen in einem Holzhäuschen direkt im Tigris – leiste ich mir eine mächtige Portion  ausgezeichneten Fisch, bevor es wieder zurück nach Diyarbakir geht.

Ich bin von Südostanatolien mit seiner gewaltigen Landschaft und den freundlichen hilfsbereiten Menschen total begeistert. Man darf nicht vergessen, dass dieses Gebiet wegen des Kurdenkonfliktes vor nicht allzu langer Zeit noch für den Tourismus gesperrt war. Aber auch jetzt ist noch nicht alles im Lot. Während der Kämpfe im Jahr vor diese Reise sind immerhin über 2000 Menschen ums Leben gekommen. Gleichwohl kommt es noch immer wieder zu Demonstrationen mit blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, erst vor einigen Wochen anlässlich der Provinzwahlen und der Feiern zum 60. Geburtstag von Öcalan. Aber man kann nur hoffen, dass die Situation allmählich besser wird und die Menschen endgültig in Frieden leben können, dachte ich damals. Heutzutage, im Jahr 2016 ist es schlimmer denn je, es herrscht Krieg – geschuldet dem Machtmenschen Erdogan.

Natürlich will ich noch nach Mardin und fahre am nächsten Morgen die gleiche Strecke, die ich schon kenne, wieder zurück. Insider nennen diese Stadt das Kleinod Südostanatoliens. Und das ist es vielleicht auch. Es ist wieder ein Wochenende und die Stadt voll von türkischen Kurzurlaubern. Wohlweislich habe ich nun mein Quartier in einem nahegelegenen Dorf telefonisch gebucht. Mardin  liegt am Rande des so genannten Mardingebirges, hoch über Mesopotamien – und ich habe  immer wieder einen unvergleichlichen Blick auf die anatolische Hochebene. Im kleinen aber gut sortierten Museum wird mir gleich weder Tee angeboten, auf so eine Geste  könnte man in der Alten Pinakothek wahrscheinlich lange warten. Im Ort gibt es wohl das schönste Postamt der gesamten Türkei. Es ist in einer riesigen ehemaligen Villa untergebracht  und von hier habe ich den mit Abstand schönsten Blick auf die Ebene. Auch in der Moschee werde ich gleich weder auf einen Tee eingeladen. Anschließend spaziere ich zur  recht beeindruckenden Kirche der orthodoxen syrischen Gemeinde.

Kirche der 40 Märtyrer © Wolfgang Stoephasius
Kirche der 40 Märtyrer © Wolfgang Stoephasius

 

Mittags labe ich mich an einer türkischen Pizza (Lamacun) und fahre mit dem Minibus in den Ort Savur. Am Busbahnhof werde ich von zwei netten jungen Männern, einem Islamlehrer und einem Englischlehrer, der eigentlich auf Französischlehrer studiert hat, auf einen Tee eingeladen. Ich glaube so viel Tee trinke ich daheim im ganzen Jahr nicht, wie hier an einem Tag. Die Fahrzeit beträgt eigentlich  etwa eine Stunde, aber wir müssen wegen Pannen zweimal das Fahrzeug wechseln, der Übergang geht zum Glück ruck zuck. Zwischendrin schieben  wir noch einen liegen gebliebenen LKW an.

Reisegefährten © Wolfgang Stoephasius
Reisegefährten © Wolfgang Stoephasius

Savur ist einfach ein Traum, ein kleines Städtchen auf einem Hügel. Und auf der Spitze dieses Hügels liegt „meine“ Pension. Ein Märchen aus „1000 und einer Nacht“ in einem 650 Jahre alten Haus. Außer mir wohnt nur noch Matt, ein äußerst sympathischer junger Ami hier, der perfekt Deutsch spricht. Der Wirt kommt aus einer arabischen Familie. Hier lebt überhaupt ein buntes Völkergemisch aus Türken, Kurden, syrischen Arabern und anderen Ethnien. Die Mama ist  schon fest am Kochen, als ich eintreffe.

Gastgeber in Savur © Wolfgang Stoephasius
Gastgeber in Savur © Wolfgang Stoephasius

 

Mit Matt spaziere ich durch den Ort, ständig begleitet von einer lustigen Kinderschar. Natürlich werden wir in einem Garten wieder zum Tee eingeladen, dazu reicht man uns eine leckere Mischung aus Rosinen und Wallnüssen, Studentenfutter vom Feinsten. Natürlich wird mir im Internetcafe auch gleich wieder Tee angeboten. Ganz nebenbei schiebt mir mein Nachbar ein paar Mandeln rüber, einfach so. Ich habe ja wirklich viel auf unserem Planeten gesehen. Aber so etwas von Gastfreundschaft ist mir selten untergekommen. Das Abendessen ist richtig gut, gekocht hat wie gesagt die Mama, kräftige arabisch/kurdischer Hausmannskost. Der Landwein dazu ist auch in Ordnung und Matt und ich quatschen noch  lange. Wir  sind ja die einzigen Gäste. Er lebt und studiert jetzt mehr oder weniger in Deutschland, zurzeit  in Leipzig. Jetzt ist er aber im Rahmen seiner Magisterarbeit und zum Türkischstudium in Ankara. Von dort aus hat er einen Trip nach Kurdistan unternommen. Ein richtig netter Kerl. Ich lade ihn spontan zum Oktoberfest ein. Zum Frühstück gibt es am nächsten Morgen göttliche selbstgemachte verschiedene Marmeladen und Honig neben dem üblichen Käse – und natürlich selbst gebackenes Brot. Der Wirt lässt das Sammeltaxi zur Pension kommen und in einer knappen Stunde sind wir ohne Pannen in Mardin. Dort trennen sich unsere Wege, Matt muss zurück nach Ankara.

Ich habe mache mich auf den Weg zu  einer kleinen Wanderung nach Zafaran, einem uralten aramäischen orthodoxen Kloster. Es liegt wie eine Trutzburg erhaben vor einem Felsgipfel, hoch über Mesopotamien.

Kloster von Zafaran © Wolfgang Stoephasius
Kloster von Zafaran © Wolfgang Stoephasius

 

Zurück in  Mardin steige ich schließlich noch zu einer Medresse (Koranschule) mit einem schönen orientalischen Innenhof hinab. Steil geht  es wieder hinauf nach Mardin. Dort leiste  ich mir ein edles spätes Mittagessen in einem der besten Restaurants von Kurdistan. Es wird von einer Frau geleitet – und die Köche sind alle Frauen. Eine Seltenheit in diesem islamisch-konservativen Teil der Welt. Zu meiner Freude ist das dreigängige Menü durchaus bezahlbar und wirklich sehr gut. Nach einem kurzen Bummel durch den Basar sitze  ich wieder im  Sammeltaxi nach Diyarbakir.

Am nächsten Morgen  setzt mich der Portier vom Hotel  in  einen Minibus, der ganz wo anders hin fährt, als zu dem Busbahnhof, den ich von meinen vorherigen Abfahrten kenne. Ich lande schließlich auf dem Busbahnhof für die großen Busse, der ziemlich weit außerhalb liegt. Das anfänglich Überraschende erweist sich als Glücksfall. Ich habe nämlich gleich Anschluss mit einem großen Mercedes-Bus zu meinem nächsten Ziel, der Stadt Sanliurfa. Die Reise geht viel schneller, als mit dem Minibus und ich sitze sehr bequem. In zweieinhalb Stunden habe ich die 200 Kilometer hinter mir und mit dem Stadtbus geht es im Nu zu einem kleinen Hotel, wo ich wieder ein günstiges sauberes Zimmer finde.

Stadtmauer von Diyarbakir © Wolfgang Stoephasius
Stadtmauer von Diyarbakir © Wolfgang Stoephasius

 

Noch ein paar Sätze zu den Kurden. Ganz anders als das Türkische, welches eine Sprache aus dem zentralasiatischen Raum ist, und letztlich in Abwandlungen von rund 150 Millionen Menschen vom Balkan bis nach Ostturkestan in China gesprochen wird, ist das Kurdische eine indogermanische mit dem Persischen verwandte Sprache. Diese wird in zwei verschiedenen Dialekten von ungefähr 30 Millionen Menschen in der Osttürkei, in Syrien, im Iran und im Irak gesprochen. Es handelt sich wohl um die größte ethnische Gruppe ohne eigenen Staat. In den Kurdengebieten in der Türkei, speziell in  Diyarbakir, führt heutzutage (2016) der Despot Erdogan Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Politische Autonomie genießen allein die irakischen Kurden und das auch erst seit einigen Jahren, da die neue irakische Verfassung ihnen im Norden des Landes umfangreiche Selbstbestimmungsrechte gewährt. Um die Eingliederung  der kurdischen Provinzen von Kirkuk und Mosul in das autonome Gebiet wird hart gerungen. Es sind  Gebiete, welche nach wie vor von Terror überzogen werden.  Hier leben neben den Kurden viele Turkmenen und Araber und es gibt viel Erdöl – wie im übrigen Irak politischer Zündstoff. Im Moment, also 2016, sieht es so aus, dass die kurdischen Peshmergakämpfer die einzigen sind, welche dem sogenannten Islamischen Staat ernsthaften Widerstand leisten. Sie waren es, welche die Jesiden aus der Falle im Sindschar-Gebirge befreiten.

Einige Informationen zu Sanliurfa

Sanliurfa ist nur wenige Kilometer von der Syrischen Grenze entfernt. Von dort berichteten die internationalen Medien von dem Kampf um Kobane 2014/2015. Im Februar 2015 hatten die Peshmergas die Stadt, welche in Trümmern lag, endlich befreit.

Ein Link zu Syrien:

Syrien: „Meine” UN-Staaten – zum 166sten

Und hier noch einige Bilder zur Stadt von Abraham und Hiob:

Für mich schließt sich der Kreis, war ich doch in Hebron am Grab von Abraham, und hier liegt seine Geburtshöhle.

Frauen vor der Geburtshöhle © Wolfgang Stoephasius
Frauen vor der Geburtshöhle © Wolfgang Stoephasius

 

Später geht es mit dem Dolmuş (Sammeltaxi) zur außerhalb gelegenen Grotte des Ijob (Hiob), wo er sieben Jahre meditiert hat, bis Gott ihm seine Gesundheit und sein Vermögen zurückgab. Hier ist auch die Quelle (Sifali Su), die Gott zum Sprudeln gebracht hat, heiliges Wasser.

Frauen bei der Quelle  Sifali Su © Wolfgang Stoephasius
Frauen bei der Quelle Sifali Su © Wolfgang Stoephasius

 

Wo einst Rosen blühten, erhebt sich heute eine langgestreckte Moschee aus braunen Steinquadern.

Der heilige Teich © Wolfgang Stoephasius
Der heilige Teich © Wolfgang Stoephasius

 

Abschließend ein Link zur Türkei:

Türkei: „Meine” UN-Staaten – zum 176sten

 

 

 

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