West trifft Ost

Japanerinnen © Wolfgang Stoephasius
Japanerinnen © Wolfgang Stoephasius

…. Ein Polizeilastauto voller Koffer auf der Ladefläche und darauf sitzen zwei Japaner….

Ich als Unterführer (2. von links) © Wolfgang Stoephasius
Ich als Unterführer (2. von links) © Wolfgang Stoephasius

 

Im Buch war bei weitem  nicht genug Platz für all die Geschichten, die ich zu erzählen hätte. Wer Lust hat, kann hier noch etwas über Japan nachlesen.

Japanische Streiflichter

Renate und ich laufen durch Kyoto, halten bei einem Schrein. Junge Burschen in schwarzer Schuluniform, die stark an die preußische aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg erinnert, sprechen uns zaghaft in einer Sprache an, die sich irgendwie nach Englisch anhört. Wir und ein anderer Tourist rätseln und verstehen allmählich, dass es sich um Abiturienten handelt, die mit einem Fragenkatalog ihre englischen Sprachkenntnisse testen sollen. Letztendlich sind die Jugendlichen genau so hilflos, wie wir. Mit Zeichensprache bringen  wir sie schließlich dazu, uns ihren Englischlehrer vorzustellen, um irgendwie zu verstehen, um was es geht. Dieser ist nur einige Jahre älter, als unsere Interviewer, weiter kommen weder wir noch unsere Fragensteller, denn auch seine Englischkenntnisse sind mehr als marginal.

Japanische Schüler © Wolfgang Stoephasius
Japanische Schüler © Wolfgang Stoephasius

 

Ein Ort von besonderem Reiz ist der Labi Khas im usbekischen Buchara. Da sitze ich eines Morgens beim Frühstück, als ein Japaner mit seinem Rucksack auf mich zu kommt und nach einem Quartier fragt. Ich gehe mit ihm zu meiner Pension und er bekommt dort ein Zimmer. Wir werden die nächsten Tage zusammen unterwegs sein. Im Jahre 2003 scheint Buchara fest in der Hand japanischer Gruppentouristen zu sein und Hiromi, so heißt mein neuer Reisegefährte, amüsiert sich genau so wie ich über die Damen mit ihren weiten Hüten, den langen Handschuhen und dem Mundschutz,  sie wollen auf keinen Fall ihren hellen Teint der Sonne aussetzen und fürchten von fürchterlichen Krankheiten heimgesucht zu werden. Gemeinsam reisen wir mit dem Sammeltaxi weiter in das westlich gelegene Khiva, heute so eine Art Freilichtmuseum. Wir wohnen in einer kleinen Herberge außerhalb der Stadtmauer. Jalil, Manager und „Mädchen“ für alles, hat uns ein umfangreiches Abendessen bereitet. Hiromi sitzt mir gegenüber, vergräbt sein Gesicht plötzlich in seinen Armen, beginnt hemmungslos zu weinen. Allmählich fängt er an  in seinem holprigen Englisch zu erzählen. Er hat die Prüfung zur Universität nicht geschafft und damit seinen Eltern „eine große Schande bereitet“. Schließlich hat er einen recht gut bezahlten Job in einem Reisebüro bekommen, war sparsam und hat Geld auf die Seite gelegt. Als er seinen Eltern erzählt hat, dass er mit dem Ersparten eine große Reise antreten wolle, waren sie „sehr böse“ mit ihm. Sie hatten erwartet, dass er nochmals einen Versuch starten würde, einen Studienplatz an der Hochschule zu bekommen. Er ist einfach abgereist und nun holt ihn sein schlechtes Gewissen ein, es ist wohl einer der größten Tabubruchs, dessen sich ein Japaner schuldig machen kann, nämlich der, seine Eltern zu kränken. Hiromi will heim, seine Reise abbrechen. Am nächsten Morgen ist er verschwunden.

Kyoto © Wolfgang Stoephasius
Kyoto © Wolfgang Stoephasius

 

Bei einer Gruppenreise  durch Japan darf natürlich ein Besuch der alten Kaiserstadt Kyoto nicht fehlen. Wir haben eine sehr nette Gästeführerin, die uns auch viel über die Rolle der Frau in der Machokultur ihrer Heimat erzählt. Der Weg  hinauf zum Kiyomizu-dera, dem „Tempel des reinen Wassers“, führt durch eine lange Einkaufsgasse mit Souvenirs. Am Ende ihrer Erklärungen gibt sie uns Zeit zur freien Verfügung und jeder von uns hat die Gelegenheit, sich in einer dunklen Höhle auf eine spirituelle Reise zu begeben oder ganz einfach die beeindruckende Holzarchitektur auf sich wirken zu lassen. Es wird vereinbart, dass wir uns in einer Stunde wieder beim Bus treffen. Eigentlich ist die Orientierung bei Sehenswürdigkeiten in Japan ganz einfach, man kann sich praktisch  nicht  verlaufen. Aber mir gelingt das letztlich Unmögliche. Renate und ich tauchen aus dem dunklen Höhlengewölbe in die Helligkeit des Tages und beginnen unseren Rückweg. Einige Mitglieder aus unserer Gruppe folgen mir, dem erfahrenen Reiseleiter. Das Groh ist schon auf dem Weg nach unten. Es geht bergab und allmählich beginnt mir zu dämmern, dass mir vieles am Wegesrand fremd vorkommt. Dennoch markiere ich den Wissenden und setze meinen Weg fort, statt umzukehren. Ich hoffe, dass ich in der Talsenke wieder auf die bekannte Souvenirgasse treffen werde. Weit gefehlt, ich finde mich in völlig unbekanntem Terrain wieder. Mit dem Stadtplan in der Hand wende ich mich an einen Polizisten in weißer Uniform und halte ihn von seiner vordringlichen Aufgabe, nämlich dem Regulieren des Straßenverkehrs, ab. Englischkenntnisse scheinen nicht seine Stärke zu sein, aber nach einem freundlichen Diener zeigt er mir auf der Karte, wo wir uns befinden. Dieser Punkt ist so weit von dort entfernt, wo ich meine sein zu müssen, dass ich beschließe, den ostasiatischen Kollegen für nicht nur des Englischen Nicht- Mächtig-Seins, sondern auch für einen kartographischen Legastheniker zu halten. Ich laufe zur Rezeption eines kleinen Hotels, welches ich am Ende einer Gasse erblicke und scheitere hier wieder mangels Kommunikations-möglichkeiten. Bei dem Häuflein Getreuer, welcher Renate und mir gefolgt sind, beginnt allmählich der Glaube an meine reiseleitertechnische Autorität zu schwinden. Langsam schwant mir, dass der Polizist doch nicht der unkundige Kartenleser ist, sondern ich mich zum Deppen gemacht habe. Nun suche doch auf dem Stadtplan den Weg vom Standort, den mir der Ordnungshüter gezeigt hat, zum Busparkplatz. Mit zweistündiger Verspätung treffe ich, gefolgt von meinen erstaunlich ruhigen Begleitern dort ein. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Bus natürlich weg. Zähneknirschend winke ich zwei Taxis heran. Wie von Geisterhand bewegt, öffnen sich die hinteren Türen und wir werden zum Hotel gebracht. An der Rezeption finde ich eine Nachricht von Heike, einer cleveren Mitreisenden, sie hat die Gruppe für 18:30 Uhr an die Rezeption bestellt. Gut so, denn ich habe für den Abend für die Gruppe Karten für Gion Corner geordert. Das sollte eine Überraschung werden, deshalb habe ich der Gruppe nichts davon erzählt. Mit großem Hallo werde ich also um 18:30 Uhr begrüßt. Es bleibt Zeit, den Verlauf des Abends zu erläutern. Um 19:30 Uhr steht der Bus vor dem Hotel und wir fahren zum „Gion Corner“, wo uns in anderthalbstündiger Aufführung ein Querschnitt durch die darstellenden Künste Kyotos geboten wird. Tut es meinem Ego auch weh, so macht es aber gar nichts, dass ein klein wenig von meiner Perfekten-Reiseleiter-Fassade.

Der Link zu Japan

Japan – „Meine” UN-Staaten – zum 68sten

 

Advertisements
Veröffentlicht in Asien