Der Weg nach Timbuktu

Eine kleine Bildstrecke zur Reise nach Timbuktu:

Am 24. Oktober bringt mich der Flieger nach Casablanca. Es ist immer noch unfassbar, wie schnell dank moderner Technik der Körper von einem Kulturkreis in den anderen transportiert wird. Weiter geht es mit dem  Zug nach Marrakesch, der geheimnisumwitterten Stadt  im Maghreb. Der „Place Djeema El Faa“  mit seinen Gauklern, Schlangenbeschwörern, Akrobaten und Märchenerzählern ist genau der richtige Ort, um dem Neuankömmling die ersten Eindrücke vom Zauber Afrikas zu vermitteln.

Place Djeema El Faa © Wolfgang Stoephasius
Place Djeema El Faa © Wolfgang Stoephasius

 

Etwa 25 Kilometer von Quarzazate liegt ein faszinierendes befestigtes Wehrdorf aus Lehm, die hervorragend erhaltene Kasbah Ait Benhaddou, welche vielen berühmten Filmen, so auch „Lawrence von Arabien“,  als Kulisse gedient hat. Hier bekam ich eine Privatvorführung von einem Schlangenbeschwörer.

Ait Benhaddou © Wolfgang Stoephasius
Ait Benhaddou © Wolfgang Stoephasius

 

Zagora: Als ich in der Oasenstadt aus dem Bus steige, sehe ich am Ende der Straße schon von weitem „mein“ Schild: „Tombouctou – 52 Jours“, es steht vor der Polizeistation.

Tombouctou – 52 Jours © Wolfgang Stoephasius
Tombouctou – 52 Jours © Wolfgang Stoephasius

 

In einem Berbercamp treffe ich Barik einen 23jährigen im Outfit der „Blauen Männer der Wüste“. Er ist bereit, mit mir für drei Tage einen kleinen Wüstentrip zu unternehmen. So trotten wir gemeinsam mit dem Dromedarbullen Hassan hinaus in die Dünenlandschaft einer der größten Sandwüsten der Welt.

Barik und Hassan © Wolfgang Stoephasius
Barik und Hassan © Wolfgang Stoephasius

 

In der Oasenstadt Erfud soll Ende Oktober das große Dattel-Erntefest stattfinden. Da aber Parasiten die Palmbestände heimgesucht haben, tragen die Bäume kaum Früchte, das Fest muss ausfallen. Ich habe mich schon gewundert, dass die Datteln, welche ich in den vergangenen Tagen gekauft habe meistens mit dem Etikett „Made in Tunesia“  versehen waren. Als Alternative beschließe ich, zu der in der Nähe gelegenen größten Düne des Landes zu fahren. Allerdings gibt es dorthin keine öffentlichen Verkehrsmittel. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf das Angebot eines jungen Schleppers einzulassen und eine Nacht im Refugium La Baraka  gleich an der Düne von Merzouga mit Transport dorthin zu buchen. Augenscheinlich muss sich der  junge Mann erst mal um eine Fahrgelegenheit für mich kümmern und irgendwann sitze ich in einem Landrover Defender. Es handelt sich um das Führungsfahrzeug einer Gruppe Franzosen, die in vier weiteren Allradfahrzeugen untergebracht sind und es dauert eine geraume Weile, bis sie abfahrtbereit sind, weil sie noch intensiv mit Shopping beschäftigt sind. Schließlich sind wir so weit und die Fahrzeuge donnern durch eine weite Schotterebene.  Die Kolonne hält bei einer Lehmhütte. Hier werden nicht nur Fossilien angeboten, sondern auch Stücke des wunderschönen schwarzen Marmors aus dieser Gegend. Es ist fraglich, ob solche Stücke überhaupt ausgeführt werden dürfen. Der Versuch mit den Mitreisenden Kontakt aufzunehmen scheitert kläglich. Sie vermitteln mir das Gefühl, wer nicht fließend Französisch spricht, ist kein adäquater Gesprächspartner. Hätte ich auf meinen vielen Reisen nicht viele angenehme Erinnerungen mit französischen Reisenden gesammelt, würde hier das Vorurteil vom arroganten Franzosen bestätigt. Schließlich erreichen wir unser Domizil, das sogenannte Hotel La Baraka. Dort wird mir in einem Beduinenzelt mein Quartier für die Nacht zum Alleinbezug zugewiesen. Die mächtige Düne von Merzouga erstrahlt rot im Licht der untergehenden Sonne. Abseits der Franzosen, die im Haupthaus wohnen, nehme ich das Abendessen ein, es gibt Couscous, die vier Söhne des Besitzers trommeln das Stakkato der Männer der Wüste und ich ziehe mich bald auf die Matte in meinem Zelt zurück. Kaum bin ich eingenickt, schrecke ich verstört auf, weil sich eine Ratte auf meine Brust gesetzt hat. Zum Glück entpuppt sie sich als der Hauskater, der sich offensichtlich genau so einsam wie der Reisende aus dem fernen Deutschland fühlt. Ich schlafe ein und erwache beim Sonnenaufgang, der Kater kuschelt sich schnurrend auf meinem Bauch.

Die Düne von Merzouga © Wolfgang Stoephasius
Die Düne von Merzouga © Wolfgang Stoephasius

 

Monatelang könnte ich in der Oasenlandschaft mit seiner liebenswerten Berberbevölkerung verbringen. Aber ich habe  noch zwei Ziele vor mir und auch meine Zeit ist nicht unbegrenzt. So breche ich schweren Herzens auf und mache mich auf den Weg in Richtung Süden. Erste Station ist Taroudant, Zentrum in der Sous-Ebene, dem Gemüsegarten Marokkos, wo ein Erlebnis der ganz besonderen Art auf mich wartet. Abends habe ich mich in der verwinkelten Medina, der Altstadt, total verirrt, als ich plötzlich Musik höre. Ich folge den Klängen und treffe auf eine eigenartige Prozession. Weißgekleidete Männer blasen auf Holzinstrumenten, trommelten in rhythmischem Takt, gefolgt von Tänzern in ihren bis zum Boden reichenden Hemden, den Djelabas.

Taroudant © Wolfgang Stoephasius
Taroudant © Wolfgang Stoephasius

 

Dakhla, Westsahara:  Zunächst muss ich mich um eine Fahrgelegenheit bemühen. Ab hier geht nichts mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine Gruppe von Holländern, die Gebrauchtwagen nach Westafrika exportieren, erklärt sich bereit mich mitzunehmen. Zweimal in der Woche wird ein Konvoi zusammengestellt, welcher unter Militärbegleitung durch das minenverseuchte Gebiet im Grenzbereich zu Mauretanien geleitet wird. Nachdem eine Fülle von Formalitäten erledigt ist, setzt sich der riesige Geleitzug von etwa 160 Fahrzeugen, darunter viele geklaute nagelneue Luxuslimousinen aus Italien und Deutschland, spätnachmittags in Bewegung.

Konvoi durch das Minengebiet © Wolfgang Stoephasius
Konvoi durch das Minengebiet © Wolfgang Stoephasius

 

Gleich nach der Ankunft in Nouadhibou, der ersten Stadt in Mauretanien, beschließe ich mit dem Erzzug nach Choum im Adrar-Gebirge zu fahren.

Der „Bahnhof“ in Nouadhibou © Wolfgang Stoephasius
Der „Bahnhof“ in Nouadhibou © Wolfgang Stoephasius

 

600 km Wüstenstraße führen schnurgerade in die Landeshauptstadt Nouakchott, meine nächste Etappe. Es ist der erste Tag von Ramadan, der Tag, welcher den Fastenden am meisten zusetzt. Nach etwa 200 zurückgelegten Kilometern bittet  mich der Fahrer des Sammeltaxis nach Rücksprache mit den Mitfahrern in ihren weiten blauen maurischen Gewändern, das Lenkrad zu übernehmen. So komme ich in den „Genuss“ einen betagten Mercedes-300-Turbo-Diesel durch die maurische Wüste zu steuern.

Auf der Fahrt nach Nouakchott © Wolfgang Stoephasius
Auf der Fahrt nach Nouakchott © Wolfgang Stoephasius

 

In Nouakchott verwerfe ich meinen ursprünglichen Plan auf der „Straße der Hoffnung“ in Richtung Osten zu fahren. Mir wurde von Wegelagerern und einer völlig verwahrlosten Piste berichtet, so dass ich mich entscheide zunächst in den Senegal einzureisen.

Fähre über den Senegal-River © Wolfgang Stoephasius
Fähre über den Senegal-River © Wolfgang Stoephasius

 

Mit Buschtaxis, meist uralte Peugeot 507 oder Mercedes-Kleinbusse, geht es parallel zum Senegalstrom in mehreren Etappen  in südöstlicher Richtung bis an die Grenze von Mali und übernachte schließlich im Bahnhofshotel von Kayes. Die ehemalige Hauptstadt des Landes ist mittlerweile eine vergessene Metropole.

Das Bahnhofshotel in Kayes © Wolfgang Stoephasius
Das Bahnhofshotel in Kayes © Wolfgang Stoephasius

 

Ich reise mich mit dem Zug nach Bamako und erreiche völlig durchgeschüttelt gegen Mitternacht die Landeshauptstadt, wo ich im rundweg dunklen Eisenbahnwaggon von einer Meute von Dieben in die Mitte genommen und meines am Rucksack befestigten Moskitozeltes entledigt werde.

Auf überraschend guter Straße rollt ein Mercedes-Bus in tadellosem Zustand mit mir auf reserviertem Sitzplatz durch Savanne mit riesigen Affenbrotbäumen in Richtung Mopti. Diese Stadt mit ihren Kanälen und bunten Booten schlägt mich sofort in ihren Bann – Afrika pur.

Mopti, das afrikanische Venedig © Wolfgang Stoephasius
Mopti, das afrikanische Venedig © Wolfgang Stoephasius

 

Ich ergattere eine Erste-Klasse-Passage auf dem Linienschiff „Tombouctou“. Auf der dreitägigen Fahrt nach Kabara, dem Hafen von Timbuktu, offenbaren sich dem Reisenden immer wieder Szenen von unglaublicher Schönheit: schwarze Matronen in ihren bunten Kleidern, Fulbe-Beduinen-Frauen mit gewaltigem Goldschmuck, Tuaregs in ihren blauen Gewandungen, das alles vor einer gigantischen Flusslandschaft, in welcher sich riesige wohlgenährte Rinderherden zur Tränke drängen.

Linienschiff „Tombouctou“ © Wolfgang Stoephasius
Linienschiff „Tombouctou“ © Wolfgang Stoephasius

 

Timbuktu, die Stadt mit ihren Lehmhäusern, die immer mehr von der Wüste eingenommen wird, hat heute noch etwa 20 000 Einwohner. Wenig erinnert an den ehemaligen Glanz. Im 13. Jahrhundert, als München vielleicht 5 000 Bürger zählte, lebten hier über 100 000 Menschen. Es war ein religiöses und wissenschaftliches Zentrum von außerordentlicher Bedeutung. Ich bin am Ziel.

Timbuktu © Wolfgang Stoephasius
Timbuktu © Wolfgang Stoephasius

 

Ich tue mich mit fünf anderen Travellern zusammen, zwei Italiener, ein Pole, eine Französin und ein Kanadier. Wir vereinbaren mit Tuaregs einen dreitägigen Wüstentrip und lernen bei der Kameltour vieles über das karge Leben dieser stolzen Wüstenbewohner.

Mit Tuaregs unterwegs © Wolfgang Stoephasius
Mit Tuaregs unterwegs © Wolfgang Stoephasius

 

Mein Traum ist in Erfüllung gegangen, meine Reise aber noch nicht zu Ende. Nach abenteuerlicher Fahrt mit einem Geländewagen der sich mehrmals im sumpfigen Gelände eingräbt und etlichen Reifenpannen durch von Banditen gefährdetes Gebiet komme ich am Ende doch heil in Mopti an.

Die Rückreise nach Mopti © Wolfgang Stoephasius
Die Rückreise nach Mopti © Wolfgang Stoephasius

 

Wüste zwischen Timbuktu und Mopti © Wolfgang Stoephasius
Wüste zwischen Timbuktu und Mopti © Wolfgang Stoephasius

 

Ich wandere noch eine Woche mit einem Führer durch die beeindruckende Felslandschaft, der Falaise, mit den pittoresken Dörfern der Dogon, eines geheimnisvollen schwarzafrikanischen Volkes.

Mit dem Führer Hamidu © Wolfgang Stoephasius
Mit dem Führer Hamidu © Wolfgang Stoephasius

 

Dogon-Männer © Wolfgang Stoephasius
Dogon-Männer © Wolfgang Stoephasius

 

Auf der Rückreise nach Bamako besuche ich noch Djenne mit der größten Lehmmoschee der Welt.

Die Moschee von Djenne © Wolfgang Stoephasius
Die Moschee von Djenne © Wolfgang Stoephasius

 

Mit Zug, Sammeltaxi und Bus geht es weiter nach Gambia.

Fliegende Händler © Wolfgang Stoephasius
Fliegende Händler © Wolfgang Stoephasius

 

In Gambia lerne ich Alagi kennen. Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg und hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Er war eines von mehreren Kindern einer Bauersfamilie. Seine Eltern verkauften eine Kuh, um ihm den Weg in die Illegalität nach Frankreich zu ermöglichen. Einmal in Europa, schaffte es Alagi irgendwie nach Deutschland zu kommen und hier geht er einer geregelten Arbeit nach.

Mit Alagi in einer Autowerkstatt © Wolfgang Stoephasius
Mit Alagi in einer Autowerkstatt © Wolfgang Stoephasius

 

Schließlich verbringe ich noch unbeschwerte Tage mit Renate, die mit dem Flugzeug aus Deutschland angereist ist, in der Nähe von Nianing im Senegal an den Traumständen des Indischen Ozeans.

Im Aldiana-Club © Wolfgang Stoephasius
Im Aldiana-Club © Wolfgang Stoephasius

 

Über Casablanca, wo ich noch einige Tage Gelegenheit habe, von Afrika Abschied zu nehmen, kehre ich heim.

Die Altstadt von Casablanca © Wolfgang Stoephasius
Die Altstadt von Casablanca © Wolfgang Stoephasius

 

Weitere Infos zu Marokko:

Marokko „Meine” UN-Staaten – zum 104ten

zu Mauretanien:

Mauretanien „Meine” UN-Staaten – zum 106ten

zum Senegal:

Senegal „Meine” UN-Staaten – zum 148sten

und zu Mali:

Mali „Meine” UN-Staaten – zum 102ten

Noch einige Erlebnisse auf der Afrikareise 2001:

Kleine Gaunereien in Marokko

Menschen in Casablanca (2007)

Natürlich darf bei unserer Marokkoreise vier Jahre später ein Aufenthalt in Casablanca nicht fehlen. Als Renate und ich  vom Zentralmarkt mit den sauber aufgebauten Obst- und Gemüseständen auf dem Weg zur berühmten Hassan-II-Moschee sind, entdecken wir „Rick’s Cafe“. Eine geschäftstüchtige Amerikanerin hat angelehnt an den Kultfilm dieses eigentlich nur in der Phantasie bestehende Etablissement zu neuem Leben erweckt. Allerdings sitzt nicht der schwarze Sam am Piano, sondern ein stinknormaler Marokkaner: „Schau mir in die Augen Kleines“. Ich habe als Kopfbedeckung mein rundes Käppi aus Usbekistan auf und werde offensichtlich für einen gläubigen Juden gehalten, weil ich unterwegs immer wieder mit „Schalom“ begrüßt werde.

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In Casablanca © Wolfgang Stoephasius

Als ich vor drei Jahren auf der Rückkehr von  Timbuktu in der Stadt war, lebten im nahegelegenen Viertel Lusitania noch an die 6000 Juden, wie viele werden es wohl heute noch sein? Damals erlebte ich eine amüsante Geschichte. Es ist Feiertag, Heilige-Drei-Könige, und ich mache mich auf den Weg zur Kirche „Notre Dame de Lourdes“, dort ist eine prächtige Drei-Königs-Krippe aufgebaut. Auf dem Weiterweg zum breiten palmenbestandenen Blvd. Moulay Youssuf spricht mich ein junger Mann an und fragt mich nach der Uhrzeit. Ich sehe, dass er selbst eine Uhr trägt und ganz offensichtlich nur abchecken will, woher ich komme. Als er merkt, dass ich Deutscher bin, bittet er mich um einen Gefallen. Er habe einen Bekannten in Deutschland und er würde ihm gerne schreiben. Es wäre nett von mir, wenn ich ihm auf einem Blatt Papier seine Worte in meiner Muttersprache aufschreiben würde. Ich erkläre mich gerne bereit und wir setzen uns in ein Cafe in einem nahegelegenen kleinen Lunapark. Während er diktiert, lässt er geflissentlich einfließen, dass er einen kleinen Laden besäße und da könnte ich äußerst günstig einkaufen. Als wir mit der Schreiberei fertig sind und unseren starken arabischen Kaffee ausgetrunken haben, mache ich mich mit einem höflichen Ma Salam, Auf Wiedersehen, auf den Weg und bedanke mich für den Kaffee, den er mir ausgegeben hat, er bleibt mit weit geöffneten Mund sitzen. Auf meinen vielen Reisen bin ich mittlerweile mit unendlich vielen kleinen Betrügereien vertraut, dass mich kaum noch etwas erschüttern kann. Mit exakt der gleichen Methode wollte mir einige Jahre vorher ein gewiefter Händler hinter der Grabeskirche in Jerusalem wertlosen Schmuck aufdrehen.

Schlepper in Guelmin

Wieder zurück auf der Reise nach Timbuktu: In Sidi Ifni bewundere ich spanischen Art-deco-Stil, amüsiere mich über die geschickten Betrugsversuche der selbsternannten Reiseführer in Guelmim, die mit dem auf Agadir-Pauschaltouristen-Tagesausflügler ausgerichteten Kamelmarkt eine ideale Klientel vorfinden.

Guelmim© Wolfgang Stoephasius
Guelmim© Wolfgang Stoephasius

 

Als am Spätnachmittag die Pauschaltouristen wieder auf dem Weg in die Touristenhochburgen sind, werde ich als Opfer ausgemacht. Gutmütig wie ich bin, lasse ich mich mit drei der Schlepper auf einen Plausch ein und erzähle ihnen, dass ich auf dem Weg nach Mauretanien bin. Sie eröffnen mir, dass die Grenzbeamten ungemein korrupt seien und ich ihnen unbedingt ein Bakschisch geben müsse. Es gäbe ein ganz spezielles Gewürz, welches sich hervorragend für eine solche kleine Gabe eignen würde. Sie führen mich zu einem Gewürzstand und zeigen mir das Wundermittel. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Nelken. Sie erklären sich bereit, für mich einen Sonderpreis auszuhandeln. Unter einem Vorwand kann ich mich in den nahegelegenen Busbahnhof absetzen und bin im Gewühl bald verschwunden. Später kaufe ich zwei kleine Pakete Nelken an einem anderen Gewürzstand und zahle weniger als ein Drittel des ausgehandelten Spezialpreises und wahrscheinlich immer noch zu viel. An der marokkanische-mauretanischen Grenze wird mich übrigens keiner der Beamten nach einem Geschenk fragen, die Päckchen werden mich auf der gesamten weiteren Reise begleiten und noch viele Monate daheim diverse Gerichte veredeln.

Mali Express

Mit Werner, den ich unterwegs kennengelernt habe, komme ich nach langer Reise auf Malis Straßen wieder nach Bamako, von dort war ich vor drei Wochen in den Norden Malis aufgebrochen. Es ist spät am Abend, als wir im Zentrum der Stadt aus dem Bus steigen. Damals hat mir Mohammed, ein junger Mann im Rastalook mit Wurzeln in Timbuktu, der das kleine Restaurant „Casa“ betreibt, eine Pension empfohlen. Ich habe eine vage Vorstellung, wo die Herberge von der Französin Marie liegen könnte, und versuche den Taxifahrer in die korrekte Richtung zu lotsen. Das Haus liegt in einer schmalen Seitengasse, welche nicht mit dem Auto befahren werden kann. Als ich meine, wir könnten  diese Gasse erreicht haben, steige ich aus und laufe hinein, stelle bald fest, dass ich falsch bin. Ich steige wieder ins Auto, bitte den Fahrer mit uns die Gegend abzusuchen, steige schließlich aus, will per Pedes weiter suchen, tappe durch Hinterhöfe, frage nach „Marie, Madame Blanc“, die Leute sind freundlich, haben aber keine Ahnung, was ich meine. Schließlich zeigt mir ein junger Mann den richtigen Weg, wir laufen verschlungene Wege und plötzlich stehe ich vor dem Haus. Wir hätten nur 15 Meter weiter fahren müssen, sind also fast vor der Unterkunft gestanden. Ich läute, niemand antwortet, das Taxi finde ich auch nicht mehr. Wohl ist mir nicht in meiner Haut, schließlich habe ich alle wichtigen Dinge wie Geld, Pass, Flugtickets an meinem Körper und das in einer stockfinsteren Gegend in einer Stadt mit einer hohen Verbrechensquote. Von hier aus finde ich zum Glück den Weg zum „Casa“ und dort treffe ich, fast ein Wunder,  Werner und das Taxi, Marie ist in der Kneipe. Bereitwillig bezahlen wir den geforderten Preis und setzen uns in die Gaststätte, genießen den Klang des „Plupp“, als der Kronenverschluss der Bierflaschen geöffnet wird. Marie geht in die kleine Küche und kocht Spaghetti, als Nachtisch gibt es noch ein Omelette und schließlich bringt sie uns mit ihrem Toyota in die Pension. Wir schlüpfen unter unsere Moskitonetze und schlafen prächtig. Am nächsten Morgen spazieren wir zum Bahnhof und fragen den Fahrkartenverkäufer, der hinter einem vergitterten Fenster sitzt, nach Billets in die Kleinstadt Tambacounda im Senegal. Zuvor müssen wir aber durch ein unbeschreibliches Gedränge von Menschen, um in das  Bahnhofsinnere zu gelangen. Ich passe höllisch auf, sitzt mir doch immer noch der Schreck in den Knochen, wenn ich daran denke, wie mir bei der Ankunft hier vor einigen Wochen, das Moskitozelt vom Rucksack gerissen wurde. Am Ticketschalter sind wir ungestört, der Zugang wird durch Uniformierte kontrolliert. Wir kaufen uns ein Ticket für die „First Class“, der Preis für den „Sleeper“ ist exorbitant hoch. Wir meinen zu verstehen, dass der Zug am nächsten Morgen (tomorrow) um 09:15  Uhr fährt. Also setzen wir uns in das „Buffet du Gare“ um zu frühstücken.  Beim Blick aus dem Fester sehen wir einen Zug in den Bahnhof einrollen. Uns kommen Bedenken, laufen nochmals zum Schalter und erfahren, unser Zeug fährt HEUTE Morgen (morning), nicht morgen (tomorrow). Der Eisenbahner hat mit seinen spärlichen Englischkenntnissen die falschen Worte benutzt. Es ist 8:30 Uhr. Wir haben noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Zum Glück finden wir gleich ein Taxi, die Fahrt durch das Verkehrsgewühl zu Rushhour kommt uns wie eine halbe Ewigkeit vor. Kurz nach 9 Uhr sind wir mit unserem Gepäck wieder am Bahnhof, feilschen kurz mit dem Taxler um den Fahrpreis, ein Offizieller kommt uns zu Hilfe, und wir kämpfen uns in den Bahnhof. Beim Einsteigen in den Zug herrscht wie immer ein fürchterliches Gedränge. Wir müssen um den reservierten Platz kämpfen. Mit im Abteil sitzt Christoph, der Pole mit dem ich eine Weile in Nordmali unterwegs war. Er hat die Reservierungsnummer 29, welche gar nicht angeschrieben ist und verteidigt stur einen anderen Platz. Um 10 Uhr rollt der Zug aus dem Bahnhof. Die Strecke bis Kayes kenne ich bereits von der Herfahrt, es ist immer wieder ein Erlebnis den fliegenden Händlern bei den vielen Stopps zuzusehen, wie sie schreiend ihre Waren an Mann/Frau bringen.

Mali-Express © Wolfgang Stoephasius
Mali-Express © Wolfgang Stoephasius

 

Im sogenannten Speisewagen führe ich interessante Gespräche mit einem Polizisten, der leidlich Deutsch spricht, einem mauretanischen Jungen, der einen Abschluss als Demograph hat und einem Geschäftsmann. Er hat in Deutschland in BWL promoviert und gibt mir einen tiefen Einblick in Mentalitätsunterschiede zwischen Europäern und Afrikanern. Er meint, du kannst hier steinreich sein, letztlich bleiben dir nie mehr als 50 Dollar zum leben. Je größer dein Einkommen ist, desto größer wird der Kreis deiner Verwandten und Bekannten, welcher meint Anspruch darauf zu haben, dass du mit ihm teilst. Vielleicht ist dies mit  Ursache dafür, dass afrikanische Staaten noch immer die letzten Plätze auf der Welt-Korruptionsliste einnehmen. Der Demograph kommt wieder mit der israelisch-amerikanischen Verschwörungstheorie zum 11. September. Mitten in der Nacht bleiben wir an der Grenze stehen. Werner und ich gehen zur Hütte in welcher die Polizei residiert und besorgen uns den Ausreisestempel aus Mali. Bald werde ich Renate im Aldiana-Club treffen.

Die schwierige Rückkehr aus Afrika

Bei der Rückkehr von der Timbuktu-Reise habe ich erhebliche Probleme mit meiner Heimkehr. Infolge der Anschläge vom 11. September sind einige Airlines schwer gebeutelt und zum Teil in die Insolvenz getrieben worden. So auch die belgische Airline „Sabena“, welche mit der ebenfalls Pleite gegangenen „Swissair“ im Verbund flog. Genau für diese Gesellschaft habe ich einen Freiflug dank meiner Meilengutschriften. Guter Rat ist teuer. Ich komme mit „Air Maroc“ aus dem  Senegal nach Casablanca und mein erster Weg führt zum Busbahnhof, dort erfahre ich, dass alle Busse nach Europa auf Wochen ausgebucht sind. Ich werde wohl nach Tanger fahren müssen, nach Spanien übersetzten und von dort mit dem Zug nach München reisen, eine zeitraubende und sicher teure Angelegenheit.

Hassan-II- Moschee in Casablanca © Wolfgang Stoephasius
Hassan-II- Moschee in Casablanca © Wolfgang Stoephasius

Im Internet erfahre ich, dass die Schweizer Charterfluggesellschaft „Crossair“ die Flüge von „Swissair“ übernommen hat und sehe da eine winzige Chance. Also mache ich mich auf in das Büro dieser Airline, es liegt im ersten Stock eines Bürohauses. Dort werde ich von zwei jungen Araberinnen, die beide perfekt Englisch sprechen, freundlich empfangen. Ich schildere ihnen mein Problem und sie meinen, dass das Ticket durchaus gültig für „Crossair“ sei, das Problem aber daran liege, dass alle Flüge für die nächsten Wochen ausgebucht seien. Wir unterhalten uns recht nett und ich erzähle ihnen von meiner langen Reise und dass ich halt doch recht gerne möglichst bald nachhause möchte. Die Jüngere schaut mich an und bedeutet mir, sie hätte da eine Idee. Am nächsten Tag ginge eine Maschine nach Zürich mit Anschluss nach Stuttgart. Sie würde mich auf die Warteliste setzten, ich solle mir keine Sorgen machen, sie sei selbst am Flughafen und wenn ein gebuchter Fluggast ausfallen würde, bekäme ich den Platz. Und genau so ist es. Schon als ich am Schalter ankomme, winkt  sie mir freudig zu und flüstert, dass es ein Storno gäbe und händigt mir strahlend die Bordkarte aus. Der Flug nach Zürich ist ruhig und entspannend, ich habe bald Anschluss nach Stuttgart, löse eine Fahrkarte nach München, fahre zum Bahnhof, hole Geld aus einem ATM und halte das erste Mal Euro in meinen Händen.

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