Landeshut, meine Geburtsstadt heute

Elektrifizierte_Bahnlinien_in_Schlesien_bis_1939
© Wikipedia

 

Wieder einmal laufe ich über den Bober, nun schreiben wir das Jahr 2009. Ich will meiner Renate zeigen, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe. Der Weg führt zunächst ins Zentrum und zwar zum Rathaus. Renate möchte gerne wissen, um welche Uhrzeit ich am 19. August 1941 geboren bin, um den Aszendenten zu meinem Sternbild „Löwe“ berechnen zu können. Gleich am Eingang begegnet uns ein junger Mann. Es trifft sich gut, er ist Deutschlehrer und er führt uns bereitwillig in das richtige Büro. Es dauert nicht lange und ich halte gegen eine geringe Gebühr die Kopie meiner Geburtsurkunde in der Hand, aus der hervorgeht, dass ich um 9 Uhr geboren wurde, mein Aszendent ist „Jungfrau“, werde ich später erfahren.

Rathaus von Kamienna Góra (Landeshut) © Wolfgang Stoephasius
Rathaus von Kamienna Góra (Landeshut) © Wolfgang Stoephasius

Als ich vor meinem Geburtshaus stehe, ist es kaum mehr wiederzuerkennen, der Putz bröckelt ab. Auf das Fensterbrett der Wohnung, in welcher ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht habe, lehnt sich ein Mann im Unterhemd, die Bierflasche in der Hand und glotzt auf die Straße.

Hier wurde ich einst geboren © Wolfgang Stoephasius
Hier wurde ich einst geboren © Wolfgang Stoephasius

Kamienna Góra ist eine der Städte, welche die Globalisierung brutal erwischt hat. Der Ort hatte voll auf das Geschäft mit den drei mechanischen Webereien gesetzt, welche von den Deutschen übernommen worden sind. Eine nach der anderen musste schließen, in Asien wird billiger produziert. Die Arbeitslosigkeit im ehemaligen Landeshut liegt bei über 50 Prozent.

Auf Wanderungen im Riesengebirge erzähle ich Renate, wie sich einst meine Eltern hier beim Skifahren kennen gelernt haben, aber auch von meiner frühen Kindheit, als mich als Fünfjährigen ein polnischer Halbstarker totprügeln wollte und mir eine Polin das Leben gerettet hat und so manch andere Geschichte.

Die Kirche Wang im Riesengebirge © Wolfgang Stoephasius
Die Kirche Wang im Riesengebirge © Wolfgang Stoephasius

Nach einigen Tagen geht es wieder Richtung München, unsere Heimat. Wir übernachten in Tröstau bei Wunsiedel  und kehren zum Abendessen in einer urigen Bauernwirtschaft ein. Die Wirtin ist Polin und eine lustige Person. Im Laufe des Abends und bei einigen Gläsern Bier entwickelt sich ein nettes Gespräch. Unter anderem erzählt sie uns, dass sie saure Gurken nach polnischer Art einlegen möchte und auf dem Markt vergeblich nach frischem Kümmel gesucht hat. Das dürfte doch eigentlich überhaupt kein Problem sein, meint sie, weil „Kimmel is sich Obsd von Till“, also Kümmel sei die Frucht vom Dill. Da liegt sie allerdings falsch, die Dillpflanze sieht nur so ähnlich aus. Und wo kommt sie her? Aus Kamienna Góra!

Rübezahl © Wolfgang Stoephasius
Rübezahl © Wolfgang Stoephasius

 

Am grauen Sylvestermorgen 2014 holt uns das bestellte Taxi in unserem Hotel in Liegnitz (Legnica) ab. Die Deutschkenntnisse des wohl fünfzigjährigen Fahrers sind marginal, so dass kein rechtes Gespräch aufkommen will. Die Straßen sind frei, anfangs liegt kaum Schnee, der aber in der Hügellandschaft der Vorberge des Riesengebirges mehr wird. Nach einer guten Stunde sind wir gegen 10 Uhr in Landeshut. Wir werden in einem Park abgesetzt und vereinbaren die Rückfahrt für 15 Uhr. Eine junge nette Frau spricht gut Deutsch, ihr Vater ist Deutscher, führt uns zum Museum. Wir haben uns per e-mail mit Przemyslaw Burchhardt, er hat väterlicherseits deutsche Wurzeln, vereinbart. Der freundliche 46jährige mit wilden roten Haaren und Pferdeschwanz führt uns durch das Museum Tkactwa, welches sich insbesondere mit der Geschichte der Stadt als Texteilstandort beschäftig. Er spricht gebrochen Deutsch. Wir sind die einzigen Besucher.

Im Museum Tkactwa © Wolfgang Stoephasius
Im Museum Tkactwa © Wolfgang Stoephasius

In der Nachfolgefabrik von „Grünfeld“, ist noch eine kleine Belegschaft von knapp 200 Leuten damit beschäftig, hochwertiges Leinen zu fertigen, das ist übrig geblieben von drei riesigen Webereien. Wir schauen in den Fotoladen in der ehemaligen Wallstraße 1, wo einst das Atelier von meinen Opa war. Die junge Angestellte hat keine Ahnung.

Hier war einst das Fotoatelier von meinem Großvater © Wolfgang Stoephasius
Hier war einst das Fotoatelier von meinem Großvater © Wolfgang Stoephasius

Das Fotoatelier  in der Nähe des Rathauses, welches wir schon von unserem letzten Besuch kennen, gibt es erst seit 1955. Hier hatte ich zunächst das Atelier von meinem Opa verortet. Wir verabschieden uns von unserem Begleiter und suchen den Bahnhof. Dieser ist verrammelt und nicht mehr in Betrieb. Hier also hatte vor 70 Jahren mein Reiseleben begonnen.

Der Bahnhof von Landeshut © Wolfgang Stoephasius
Der Bahnhof von Landeshut © Wolfgang Stoephasius

 

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