Der Schamane mit dem Krebs

An dieser Stelle will ich euch noch ein wenig von meiner Reise durch Kamerun, den Tschad und die Zentralafrikanische Republik  erzählen.

Yaoundé: Der Service wird unter freiem Himmel angeboten. Auf vorsintflutlichen Schreibmaschinen tippen Männer, die Nickelbrille sitzt auf der Nasenspitze, Briefe für Menschen die nicht schreiben können. Auf einem altersschwachen Tischchen wartet ein Telefon auf Kundschaft. Maschinen spucken Kopien aus. Es herrscht geschäftiges Treiben, ein Großraumbüro auf afrikanisch. Wieder einmal bin ich in, der Hauptstadt von Kamerun. Mit dem Ramassage, dem Sammeltaxi, bin ich vom Bahnhof, wo ich das Ticket für den Nachtzug geholt habe, hier her gefahren. Die Visa für die Zentralafrikanische Republik und den Tschad sind in meinen Pass gestempelt, sicherheitshalber fertige ich Kopien. Mein Magen meldet sich und ich steige hinauf zum Restaurant „Le Globus“, genieße das späte Mittagessen und freue mich über den Blick auf den zentralen Platz Carrefour Nlongkak mit dem pulsierenden Leben einer afrikanischen Stadt. Gelbe Sammeltaxis überholen Radfahrer die ihre Drahtesel mit buntem Spielzeug aus chinesischer Fabrikation bepackt haben. Frauen in ihren bunten Gewändern bieten Sandwich an in welches sie einen dicken Bohnenstampf schmieren. Gestärkt stoppe ich ein Sammeltaxi  und fahre in das moderne Zentrum der Stadt. Dort steht das Hilton-Hotel, welches durch seine afro-europäische Archetektur ein echter Hingucker ist. Ein wahres Fotomotiv also. Ich kenne die Problematik des Fotografierens in Kamerun und achte peinlich darauf, dass ja kein Regierungsgebäude vor meinem Objektiv auftaucht.  Dennoch mache ich die Rechnung ohne den Wirt. Dieser naht in Form eines streng blickenden Unteroffiziers im Kampfanzug, bewacht von einem Muschkoten mit der Kalaschnikow, der ihm sozusagen Feuerschutz gibt. Wie in Trance händige ich ihm meine Canon aus, gebe ihm auf Aufforderung aber nur meinen Personalausweis, der Reisepass bleibt in der Unterwäsche verborgen. Mir ist klar, dass der Uniformierte im Unrecht ist, denn ich habe meinen Standort so gewählt, dass kein öffentliches Gebäude in der Zielrichtung meiner Kamera auszumachen ist. Was aber willst du machen, wenn du der geballten Staatsmacht gegenüber stehst.  Selbst mein Versuch die Situation mit einem „Don’t worry be happy“ zu entspannen scheitert am grimmigen Gesicht des Sergeanten. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als ihm   einen Beitrag für die Gemeinschaftskasse anzudienen. Die gebotenen 1000 Franc bezeichnet er allerdings als Witz und will 10 000. Schließlich einigen wir uns auf 5000, das sind ungefähr 8 Euro, eine Stange Geld für einen Staatsdiener aus Kamerun. Ich bin dadurch auch nicht ärmer und tröste mich damit, dass es eine der ganz wenigen Situationen bei meinen vielen Reisen durch Afrika ist, wo ich ein sogenanntes „Bribe“ zahlen muss. Wie oft muss ich beobachten wie Bus- und Taxifahrer von Gendarmen und Verkehrspolizisten um ihr sauer verdientes Geld gebracht werden.  Die Ernüchterung kommt aber erst daheim in München, als ich die entwickelten Filme zurück bekomme und sehe, dass bei den meisten Fotos der Kameraverschluss nicht geöffnet hat und auch das Acht-Euro-Foto unter diese Kategorie fällt, Grund genug auf eine Digitalkamera umzusteigen. Mit dieser komme ich ein Jahr später in Labe, Guinea, in eine ähnliche Situation. Ich habe eine Totalaufnahme von der Kleinstadt mit der riesigen Freitagsmoschee geschossen und bin auf dem Weg zum Internetcafe. Plötzlich kommt ein Motorrad neben mir zum Stehen und ein Uniformierter springt vom Rücksitz, deutet auf meinen Fotoapparat. Aber dieses Mal hat er die schlechteren Karten. Ich setzte zu einem Spurt in die wenige Meter entfernte Post an und winke ihm freundlich aus dem Fenster der Vorhalle zu. Er gibt sich geschlagen.

In der kamerunischen Provinzstadt Maroua warte ich für Schwarzafrika lächerliche zwei Stunden, bis der Minibus für  afrikanische Verhältnisse voll ist, also doppelt so viele Menschen darin sitzen, wie eigentlich Plätze zur Verfügung stehen. Der altersschwache Toyota flitzt durch flaches karges Land. Baumwollpflücker mühen sich ab, Männer transportieren auf klapprigen Fahrrädern Kanister mit geschmuggeltem Sprit aus dem nahegelegenen  Ölland Nigeria. Auf  wackeligen Holzgestellen wird das Benzin flaschenweise zum Kauf angeboten. Ziel meiner Reise ist die Grenzstadt Kousserie im  Norden des Landes. Ich bin auf dem Weg in den Tschad. Am Busbahnhof angekommen, erwartet mich das übliche Chaos. Ich finde einen Taxifahrer, der fröhlich auf mein Feilschen eingeht. Wir einigen uns auf den halben von ihm zunächst vorgeschlagenen Fahrpreis und die Reise kann losgehen. Meine Entscheidung, das Taxi zu nutzen, erweist sich als goldrichtig. Der Fahrer kennt alle Schliche und in der ultimativ kürzesten Zeit bin ich aus Kamerun aus- und im Tschad eingereist. Er bewahrt mich sogar davor, ungerechtfertigten Bakschisch-Forderungen eines Grenzsoldaten nachzukommen. In Ndjamena, Hauptstadt des Tschad, ist der Einfluss des Maghreb unverkennbar, lange Zeit galt es als Hinterland Libyens. Kamelreiter traben neben Allradfahrzeugen durch die Straßen, Soldaten mit Turban, den vorderen Teil des Tuchs wie ein Visier über das Gesicht gezogen, sichern staatliche Einrichtungen. Die Sahara lässt grüßen. Ich verbringe die erste Nacht in einer dreckigen Herberge in Marktnähe. Am nächsten Morgen  wechsle ich in ein putziges von einem Franzosen geführtes Hotel. Der vereinbarte Preis erscheint mir im ersten Moment als überteuert, als ich mir aber andere gleichwertige Quartiere anschaue, merke ich, dass ich ein richtiges Schnäppchen erwischt  habe. Ich genieße den Komfort, entdecke einige hervorragende Restaurants und schaue mich einige Tage in der Stadt um, welche so eine Art Brückenfunktion zwischen Nord- und Schwarzafrika inne hat.

Die Reise, die ich zunächst über Land geplant hatte, geht weiter mit dem Flugzeug in die Zentralafrikanische Republik. Mein Entschluss von dort auch zurück nach Kamerun zu fliegen, erweist sich als goldrichtig. Richtung Westen gibt es  nur Pisten, es ist Ende der Regenzeit und ich habe Sorge, dass ich unterwegs irgendwie hängen bleibe. Am Flughafen erzählt mir ein Franzose, dass im Grenzgebiet Kämpfe zwischen Armee und Rebellen ausgebrochen sind, wahrscheinlich wäre ich gar nicht über die Grenze gekommen – und wenn mit einem nicht zu unterschätzenden  Risiko. Das ist Afrika – Situationen ändern sich sehr schnell. 2014, acht Jahre später, wird in der Zentralafrikanische Republik ein blutiger Bürgerkrieg ausbrechen.

Und hier noch einige Info zu Kamerun:

Kamerun „Meine” UN-Staaten – zum 72sten

zum Tschad:

Tschad: „Meine” UN-Staaten – zum 173sten

und zur Zentralafrikanischen Republik

Zentralafrikanische Republik: „Meine” UN-Staaten – zum 190sten

 

 

 

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