Exodus aus Afrika

Der Norden Marokkos

Die Altstadt von Fes
© Wolfgang Stoephasius

 

Nach der Exkursion hinter das Bab Ftoub in Fes sind wir im Viertel der Gerber wieder unter unseresgleichen, Touristengruppen drängeln sich durch die Gassen. Gerne lassen wir uns von einem Schlepper auf das Dach eines Ladens führen und blicken auf die riesigen Bottiche in welchen Arbeiter in menschenunwürdigen Bedingungen schuften. In den mit Kalk gefüllten Behältern wird das Fell vom Leder gelöst, die anderen Gefäße enthalten die Farben, angeblich rotes Henna, gelben Safran, blauen Indigo, keine Chemie? Es riecht bestialisch. Nur schauen, nichts kaufen, versichert man uns im Geschäft. Wir verlassen den Laden mit zwei Sitzkissen, einem Gürtel und einer riesigen Reisetasche, alles aus Kamelleder. Die Reisetasche ist als Geschenk für unseren Andreas gedacht, der in London arbeitet und öfters auf Dienstreise muss, gerade das Richtige für einen Geschäftsmann denken wir.

Das Viertel der Gerber in Fes © Wolfgang Stoephasius
Das Viertel der Gerber in Fes © Wolfgang Stoephasius

 

Als wir abends in unserer Pension ins Bett gehen wollen, überrascht uns ein penetranter Geruch. Es dauert nicht lange, bis wir feststellen, dass der Gestank von der Kamelledertasche ausgeht. Selbst als wir diese in den Schrank verbannen, verschwindet der Mief nicht völlig aus unseren Nasen. Am nächsten Tag google ich im Internet und finde bald eine einschlägige Seite und diese besagt, dass Kamelleder, welches nicht richtig behandelt wurde, für immer den unangenehmen Geruch beibehalten wird.

Die Kamelledertasche © Wolfgang Stoephasius
Die Kamelledertasche © Wolfgang Stoephasius

Einige Tage später fasse ich mir im malerischen Städtchen Chefchaouen, vor einigen Jahren noch eine verbotene Stadt für Nichtmuslime,  ein Herz und gehe mit dem Luder von Tasche auf den Bazar. Nach hartnäckigem Feilschen tausche ich sie gegen eine kleine Aktentasche und einen bunten Flacon, muss noch 200 Dirham drauf legen und fühle mich fast wie Hans im Glück, aber ich habe letztendlich wenigstens noch etwas in den Händen, während Hänschen am Ende froh war, als er  sich am Ende des Mühlsteines entledigen konnte, anfangs hatte er einen Goldklumpen besessen.

Chefchaouen © Wolfgang Stoephasius
Chefchaouen © Wolfgang Stoephasius

 

Chefchaouen,  bietet sich gut als Ausgangspunkt für einen Tagesausflug in das für den Drogenhandel berüchtigte Tétouan an. Diese Stadt liegt am Rande des Riffgebirges, bekannt für den weltweit größten Cannabisanbau. Nach einem gemütlichen Frühstück am malerischen Hauptplatz gehen wir zum Busbahnhof, der Bus ist quasi startbereit, es dauert aber doch noch eine gute halbe Stunde bis wir abfahren. Die Reise führt durch grüne Landschaft, die Obstbäume stehen in voller Blüte. Bleibt der Bus stehen, um Fahrgäste ein- oder auszusteigen, winken Menschen mit Plastiktüten, als sie uns Fremde im Bus erblicken, wir haben keine Lust, uns Haschisch zu kaufen und vielleicht einige Kilometer weiter von der Polizei kontrolliert zu werden, weil die Dealer mit der Ordnungsmacht unter einer Decke stecken. Schließlich rollt der Autobus in den chaotischen Busbahnhof von Tétouan. Nachdem wir ausgestiegen sind, versuchen wir herauszufinden, wann die Busse  zurück nach Chefchaouen fahren. Ein freundlicher junger Mann zeigt uns den zuständigen Schalter und erklärt uns beiläufig, dass er den Bus gefahren habe, aus dem wir soeben ausgestiegen sind, er habe jetzt frei und um 18 Uhr werde er wieder zurück fahren. Wir hätten es gut getroffen, am heutigen Tage sei ein großer Berbermarkt und er würde uns gerne dort hin führen. Gerne folgen wir ihm in den Souk, wie überall in den marokkanischen Städten in einem Gewirr von Gassen gelegen. Der Beduinenmarkt entpuppt sich als Teppichgeschäft. Vom Dach haben wir allerdings einen trefflichen Blick auf das Häusergewirr der weißen Medina.

Blick vom Dach des Teppichladens in Tétouan © Wolfgang Stoephasius
Blick vom Dach des Teppichladens in Tétouan © Wolfgang Stoephasius

 

Als Gegenleistung müssen wir uns an die 50 Teppiche zeigen lassen und ziehen anschließend mit unserem neuen Freund weiter. Auf dem Markt schauen wir uns nach einer günstigen Sonnenbrille um, der Busfahrer schaltet sich ein und nennt uns einen utopischen Preis von umgerechnet 30 Euro. Das ist genug und ich meine, wir benötigen seine Hilfe nicht mehr. Dir Frage nach einem Bakschisch beantworte ich damit, dass ich ihm das Trinkgeld gerne bei der Rückfahrt geben würde, wenn er am Lenkrad des Busses sitzt. Da finden wir ihn natürlich nicht, nachdem wir ein Heer von Schleppern ignoriert und schließlich das richtige Fahrzeug gefunden haben und bequem sitzen. Für die 60 Kilometer zurück nach Chefchaouen bezahlen  wir weniger als für ein Kurzstreckenticket beim Münchner Verkehrsverbund.

Die Kasbah von Tanger © Wolfgang Stoephasius
Die Kasbah von Tanger © Wolfgang Stoephasius

 

Einige Tage später spazieren Renate und ich durch die Medina von Tanger. Durch verwinkelte Gassen steigen wir hinauf zur Kasbah. Trommeln dröhnen, eine Flöte erklingt, eine Kobra wiegt sich scheinbar im Takt der Melodie. Das Schauspiel gilt französischen Touristen. Wir drücken uns an der Menschentraube vorbei, kommen an eine Balustrade und blicken hinüber nach Europa. Wie viele Afrikaner, die es bis hierher geschafft haben, werden hier schon gestanden sein und sehnsüchtig in das so nahe und doch unendlich entfernte „gelobte Land“ geschaut haben? Wir laufen hinunter zur breiten Strandpromenade. Fährschiffe suchen ihren Weg hinüber nach Europa. Junge Männer lungern auf der Straße herum, verbergen sich zeitweise hinter Bäumen. Was treibt sie, haben sie etwas zu verbergen? Plötzlich sehen wir was los ist. Ein  riesiger LKW hält an einer Ampel und im Nu stürzen einige der Gestalten in Richtung Heck des Fahrzeuges, versuchen geschickt unter das Fahrgestell zu gleiten. Keiner schafft es. Immer wieder neue Versuche, wenn ein Truck durch die rote Ampel gestoppt wird. Schließlich ist einer von ihnen  unter dem Fahrzeug, welches in Richtung Hafen brettert, verschwunden. Ober er den Weg nach Europa schafft?

Unseren sogenannten Busfahrer sehen wir wieder, als wir von Tanger kommen und in Tétouan nach den Sammeltaxis in Richtung Ceuta Ausschau halten. Er will uns „behilflich“ sein und zieht verstört von dannen, als er uns wieder erkennt.

Und noch ein Link zu Marokko:

Marokko „Meine” UN-Staaten – zum 104ten

 

 

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