Von Indianern und weißen Mäusen und andere Geschichten

Meine Lausbubenzeit war eine einzige Suche nach den Erben der einst so stolzen Indianer. Es fügte sich so, dass ich eines Tages als Zehnjähriger in Passau eine richtige Rothaut kennen lernte. Die war aber nicht aus der Neuen Welt, sondern aus dem wirklichen Indien, so schien es zumindest. Jahrzehnte später erfuhr ich, dass er tatsächlich aus dem österreichischen Bad Hall stammte. Er hieß Rayo und war ein Fakir, der gegen Geld seine Künste zur Schau stellte. Ich hatte daheim ordentlichen Ärger, weil aus meinen drei weißen Mäusen, einem Männchen und zwei Weibchen, eine lebendige Gemeinschaft von einigen Hunderten geworden war, die schließlich munter in der Nachbarschaft herum liefen. Mein Mitherdenbesitzer Toni und ich konnten so an die 50 wieder einfangen – und die boten wir dem Indianer an. Der entlohnte uns fürstlich, wir bekamen 50 Pfennige pro Stück. Dass er sie als Futter für seine Schlangen brauchte, nahmen wir lieber nicht zur Kenntnis. Niemals mehr im Leben habe ich einen größeren Reibach gemacht. Hatten wir doch für die dreiköpfige Mausgründerfamilie nur insgesamt 30 Pfennige bezahlt. Es war also ein ordentlicher Grundstock für weitere Unternehmungen gelegt. Mein Freund Toni hat sich auf alle Fälle bei der Frau Ott, der Besitzerin des kleinen Kramerladens um die Ecke, für 10 Pfennig ein Glas Senf gekauft – und ich sehe ihn heute noch auf dem Treppenabsatz sitzen, wie er sich mit einem Messer dick den Mostrich auf eine Scheibe Brot nach der anderen streicht.

Mein Freund Toni (rechts) neben „Bienchen“ – beide leben schon lange nicht mehr © Wolfgang Stoephasius
Mein Freund Toni (rechts) neben „Bienchen“ – beide leben schon lange nicht mehr ©Wolfgang Stoephasius

 

Beinahe hätte ich dieses Buch nicht schreiben können, denn mein Leben und damit das Reisen wäre ums Haar im Alter von zwölf Jahren zu Ende gewesen. Ich wollte es nämlich dem achtzehnjährigen kräftigen Reinhold gleich tun und über den Inn nach Österreich hinüber schwimmen. Der Inn aber ist auch in Passau noch ein reißender Gebirgsfluss und ich schaffte es nicht, wurde in die Mitte des Flusses abgetrieben. Panik kam auf, ich wusste, wenn ich nicht vor dem Zusammenfluss mit der Donau ans Ufer käme, wäre ich verloren. Erst einige Wochen vorher war der Bruder eines meiner Schulfreunde ertrunken. Mit letzter Kraft rettete ich mich ans Passauer Ufer. Seitdem habe ich einen Heidenrespekt vor dem Wasser.

Der Inn beim sogenannten Scheiblingsturm, kurz vor dem Zusammenfluss mit der Donau © Wolfgang Stoephasius
Der Inn beim sogenannten Scheiblingsturm, kurz vor dem Zusammenfluss mit der Donau © Wolfgang Stoephasius

 

Es schickte sich, dass mein Vater ins Schwäbische, nämlich nach Memmingen, versetzt wurde. Dort wartete eine Lehre als Großhandelskaufmann in einer Glasgroßhandlung auf mich. Nicht gerade der Wunschberuf für einen nomadisierenden Indianer. Aber es traf sich insofern gut, weil der größte der Seen des Mittleren Westens gar nicht so weit entfernt war, die einfachen Menschen nennen ihn Bodensee. Um meinen Eltern nicht schon wieder Sorgen zu bereiten, wollte ich eine kurze Erkundungstour dorthin als Per-Anhalter-Tagestripp unternehmen. Nachdem ich von der Größe des Sees unendlich angetan war, schaffte ich natürlich die rechtzeitige Rückreise nicht und blieb in der späten Dunkelheit in der Kleinstadt Wangen hängen. Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich irgendwann einmal eine Polizeiuniform anziehen würde, hatte jedes Mal Schiss, wenn ein Polizeiwagen in der Nähe auftauchte, man konnte ja nie wissen! Ich überwand mich und fragte auf der Polizeistation, ob ich in der Arrestzelle übernachten dürfte. Der freundliche Beamte versorgte mich mit einer Decke und ich konnte ruhig in den nächsten Morgen hinein träumen, an dem ich sogar noch eine Tasse Kaffee bekam.

In Ottobeuren auf dem Weg zum Bodensee © Wolfgang Stoephasius
In Ottobeuren auf dem Weg zum Bodensee © Wolfgang Stoephasius

 

Meine Eltern wechselten noch einmal den Wohnort – und ich mit ihnen. Memmingen war nur eine Zwischenstation – und meine Eltern hatten die Wohnung in Passau noch nicht aufgegeben. So kam meine Mutter noch in den Genuss, meine Hitch-Hike-Erfahrungen in Anspruch zu nehmen. Der Umzug war vollzogen, die Möbel aus der Passauer Wohnung mit dem Speditions-LKW in Richtung Rosenheim unterwegs. Unser Nachbar, der Vater meines bestens Freundes Toni, der mit dem Senf aus dem Mäuseverkauf, war Volksdeutscher aus Bosnien.  Seine Frau italienischer Abstammung war während er noch Soldat bei der Wehrmacht war mit vier kleinen Kindern mit dem Pferdefuhrwerk aus dem jugoslawischen Bosnien geflohen und in Passau hatten sie sich wieder gefunden. Er hatte angeboten, meine Mutter und mich zum Bahnhof zu bringen. Wir  hatten jahrelang Tür an Tür gewohnt – und der Abschiedsschmerz ließ die typische deutsch-balkanische Gastfreundschaft aufflammen: Wir mussten noch den einen oder anderen Slibowitz mit trinken, bevor es mit dem klapprigen VW-Bus zum Bahnhof ging. Dann war der Zug aber schon abgefahren. Guter Rat meinerseits war gar nicht teuer: „wir fahren per Anhalter“ – und so brachte ich meine Mutter mit Hilfe einiger freundlicher Autofahrer wohlbehalten in die neue Heimat. Sie konnte stolz auf mich sein – und war es augenscheinlich auch!

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Meine Eltern in Memmingen © Wolfgang Stoephasius
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