Himmel und Hölle

Nähere Infos zu Rumänien habe ich ja im vorhergehenden Artikel gepostet. Hier will ich von meinen Eindrücken im Nachbarstaat Moldawien berichten:

Moldawien, drei Länder in einem Staat

Als passionierter Reisender werde ich immer wieder gefragt, in welchem Land es mir am besten gefallen hat und werde mit Unverständnis bedacht, wenn ich antworte, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Vor einigen Jahren war meine Antwort die, dass ich die Frage zunächst ins Gegenteil verkehrte und meinte, am wenigsten hätte es mir in Moldawien gefallen. Irgendwann habe ich dann aber irgendwo gelesen, dass man dorthin, wo man sich nicht wohl gefühlt hat, nochmals zurückkehren sollte. Das habe ich mir zu Herzen genommen.

Mit dem Zug fahren Renate und ich im Sommer 2010 von Bukarest nach Chisenau, die Hauptstadt von  Moldawien. Dort bin ich bei der Reise vor sechs Jahren auf eine ganze Menge unfreundlicher Menschen getroffen und wollte nun sehen, ob dieser Eindruck ein subjektiver war. Unsere erste Begegnung mit einer Moldawierin findet gleich im Zug statt und die Schlafwagenschaffnerin scheint die Vorurteile von damals zu bestätigen,  sie ist wirsch und unhöflich. Am Bahnhof finden wir einen Taxifahrer, der seinen Job ordentlich macht, freundlich ist und uns nicht über das Ohr haut.  Das vorab im Internet gebuchte kleine Hotel entpuppt sich als  eine Unterkunft, die ausschließlich von jungen Frauen geführt wird. Hier fällt uns gleich auf, wie modisch sich die Damenwelt kleidet, manchmal vielleicht etwas „billig“. Das hübsche schlanke Mädel, welches uns beim Gepäck hilft, trägt  Stöckerl, also High Heels, von  gefühlten 30 Zentimetern, 12 werden es allemal sein. Höflich lehne ich es ab, dass sie unsere Koffer über die Treppe in den zweiten Stock trägt, muss ich doch befürchten, dass sie sich mindestens einen Knöchel bricht. Gleich beim ersten Spaziergang stellen wir fest, dass nicht nur die Mädels in unserem Hotel, sondern die jungen Frauen generell nahezu durchwegs hübsch und  überschlank sind, weil sie sich ganz offensichtlich kaum etwas zu essen gönnen und ihren Verdienst in Mode investieren. Die jungen Männer haben es eher mit der Technik, Kleidung ist da weniger wichtig. Liegt in Rumänien der monatliche Durchschnittslohn bei 350 Euro, sind es hier nur 80. Da wundern wir uns schon, welche Luxusschlitten in den Straßen unterwegs sind. Obwohl Rumänisch Staatssprache ist, reden die meisten Leute Russisch oder Ukrainisch, für uns ist da kein Unterschied zu erkennen. Inschriften auf Schildern sind meist auf Kyrillisch. Mit der Freundlichkeit habe ich nun offensichtlich doch mehr Glück. Es gibt zwar immer noch einige Ignoranten, die meisten von ihnen russischsprachig, aber im Großen und Ganzen sind die Leute hilfsbereit, oft zurückhaltend, das hängt aber sicher mit den Sprachproblemen zusammen.

© Wolfgang Stoephasius
© Wolfgang Stoephasius

 

Man mag es glauben oder nicht, in dieser Gegend wird ein vorzüglicher Wein gekeltert, einst kamen die Vorzugsweine der Sowjetunion von hier. Schon bei meinem letzten Aufenthalt wollte ich die Weinkeller  der Kelterei Cricova besichtigen, dort soll es 120 km unterirdische Gänge voller Wein geben. Damals ging es nicht, weil ich der einzige Interessent war. Dieses Mal können für die nächsten Tage keine Buchungen entgegengenommen werden, weil die Führungen völlig ausverkauft sind. Die Leute von dieser Firma tragen die Nase ganz schön hoch, geben keine Antwort, ob wir vielleicht auf die Warteliste kommen könnten. Also beschließe  ich, auf eigene Faust eine Kellerei zu suchen. Nach Recherchen im Internet fahren wir  für einen lächerlichen Betrag mit einem klapprigen Bus in das Dorf Cojuschna und irren herum, bis wir endlich mit der Hilfe von Dörflern, welche unserer Zeichensprache folgen können, den Weg zur Weinkellerei finden. Das Anwesen wirkt verwaist und heruntergekommen. Pech gehabt, denken wir. Drei Männer, die mit Dachdeckerarbeiten im Nachbarhaus beschäftigt sind, fuchteln mit den Armen herum, klettern herunter  und führen uns in den Garten des verwahrlosten Geländes. Eine Dame im schwarzen Cocktailkleid mit den üblichen gefühlten 30-cm-Stöckerln kommt, öffnet eine Sesam-Öffne-Dich-Geheimtür und wir landen in einem riesigen Keller in dessen Gängen angeblich eine Million Weinflaschen lagern.

© Wolfgang Stoephasius
© Wolfgang Stoephasius

 

Die Firma produziert nicht mehr, aber die Weine werden weiterhin vermarktet, darunter jahrzehntealte Köstlichkeiten. Bei der Probe bekommen wir Weine kredenzt, die teilweise 35 Jahre alt sind und auch entsprechend schmecken, also „oideln“, wie wir Bayern sagen würden. Unsere Führerin spricht nur Russisch oder vielleicht auch Ukrainisch, Fachwörter aus der Weinwelt sind irgendwie international und wir können ihren Ausführungen recht gut folgen. Wann hat man die Gelegenheit kilometerweit durch Gänge voller verstaubter Weinflaschen zu spazieren  und in einem prunkvollen steinernen Saal in welchem auch schon Putin bewirtet wurde  auf edlen Massivholzstühlen edle Tropfen zu verkosten?

Während unseres Aufenthaltes ist Nationalfeiertag angesagt mit viel Musik und noch mehr herausgeputzten Mädels. Am 27. August 1989 hat sich Moldawien von der UdSSR losgesagt. Es ist das ärmste Land Europas mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von der Größe von Oberbayern. Ein Jahr nach der Unabhängigkeit begann der Bürgerkrieg, der bis 1992 dauerte und viele Opfer forderte.

© Wolfgang Stoephasius
© Wolfgang Stoephasius

 

Die Teilrepublik Transdnjestr mit 550 000 Einwohnern wollte selbstständig werden, ist es defacto nun auch mit einer eigenen Währung, einem Rubel der außerhalb des Landes wertlos ist, und einer eigenen  Armee. Dort müssen wir natürlich hin und nehmen den öffentlichen Bus. An der sogenannten Grenze werden wir behandelt wie zu den schlimmsten kommunistischen Zeiten mit Einreisebeamten von denen wir nur die Hände sehen, weil sie ihre Gesichter hinter Einwegspiegeln verstecken. Tiraspol, die Hauptstadt, strotzt vor Armut mit seinen heruntergekommenen Wohnhäusern, aber wartet mit einem riesigen Paradeplatz, der mit Fahnen behängt ist, auf. Die Menschen feiern in den nächsten Tagen 20 Jahre Unabhängigkeit. Unvorstellbar bei einer greifbaren Armut ist, dass  wir an einem  Tag fünf Stretchlimousinen, jede wohl 12 Meter lang, sehen. So viele bekommen wir in der sogenannten Schicki-Micki-Stadt München in einem ganzen Jahr  nicht zu Gesicht. In einem Park steht ein russischer Panzer zu welchem  Brautpaare pilgern, um sich fotografieren zu lassen. Braut, Bräutigam und Hochzeitsgesellschaft in die neueste Mode gekleidet. Angeblich kontrolliert eine einzige Mafiafamilie das Leben im Land, verdient ganz offensichtlich mit Menschenhandel, Drogen und Geldwäsche recht gut.

© Wolfgang Stoephasius
© Wolfgang Stoephasius

 

Ein weiterer Ausflug führt uns  nach Süden und zwar in die autonome Teilrepublik Gagauzia mit einer türkischsprachigen russisch-orthodoxen Minderheit. Die Leute dort haben wenigstens kein eigenes Geld und Grenzkontrollen gibt es auch keine. In der „Hauptstadt“ Comrat treffen wir in der orthodoxen Kathedrale auch auf eine Hochzeit, bescheiden und ohne Stretchlimousinen,  Brautpaar und Gäste sind nicht so aufgedonnert wie in Tiraspol.

© Wolfgang Stoephasius
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